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Niemand kommt um Ulm herum
SSV Ulm 1846 – Fortuna Düsseldorf 4:2 (14. Mai 1999)

Mein Leben ist sorgenfrei und wunderschön. Ich bin ein aufstrebender, junger Mann mit unverbrauchten Ideen. Soviel Fortune, daß sehe ich ein, fordert eine Euphoriebremse. Ich verdiene Fortuna. Deshalb bin ich nach Ulm gefahren.

Vierzig Kilo schwere Brüste

Den ersten Höhepunkt erlebten wir an Tanke 1 im Nirvana zwischen den Trucker-Magazinen. Von dem Cover des Dickerchen klagten die Schwestern Erika und Marie: „Hilfe, unsere Brüste wiegen 40 Kilo“. Wer sich dagegen für das homöopathische Fachblatt Praline entschied, erhielt Ratschläge zum Thema: „Tabuloser Supersex von hinten“. Diese Einblicke in eine sonst verborgene Welt wurden mit kindlicher Begeisterung aufgenommen. In Ulm machten wir uns alsbald auf zum Stadion. Den Fortunablock betraten wir ohne die sonst im Ländle übliche Vorhautinspektion, und - siehe da - wir waren nicht allein! 200 Unentwegte; Groundhopper, taumelnde, sich selbst umarmende Freunde des existenziellen Suffs und der marginale Rest, der - wider besseren Wissens - in der Hoffnung auf drei Punkte mitgefahren war. Ich beschloß, den ersten Kommentar: „Hier ein Sieg, und wir können es noch schaffen“, mit gezielten Fausthieben zu begegnen.

Ich Berufsphantast

19 Uhr: Die Gladiatoren laufen ein, das Brot ist verspeist und das Spiel kann beginnen. Zur Überraschung aller, sorgen unsere Söldner mit Mut und Engagement zunächst für ein ausgeglichenes Spielgeschehen. 19 Uhr 19: Katemann köpft das 0:1. Aus dem Stand, schlage ich einen dreifachen Giengersalto (rückwärts) mit Katschmarowgrätsche, küsse meine Nachbarin und beginne zu rechnen: Wenn x gegen y und b gegen c, dann sind es nur noch 7 Punkte in 4 Spielen. Eine Leichtigkeit. 19 Uhr 19½: Mit den Füßen noch fest in den Wolken, wirft mich Anja unvermittelt gegen den Zaun, weil das berüchtigte „Kopfballungeheuer“ Janosz Gora zum 1:1 einnicken darf. „Ich beklage die Wunden, die Fortuna schlug, mit weinenden Augen, weil sie mir ihre Gaben widerspenstig entzieht“. Was soll`s? Erst mal in die Pause retten und dann in der Schlußphase den Gegner mit pfeilschnellen Kontern demütigen.

Abwehr-Luder und zukünftiger Tribünengast

Jörg Bach und Igitt Tare vernichteten jedoch meinen lehrbuchhaften Ansatz. Tares Vorstellung, ließ Humphrey Bogarts Leistung in dem Film „Der Unsichtbare“ verblassen. Anders Spieler Bach. Vom Fußballweisen Klaus Allofs schon ausgemustert, fand er irrtümlicherweise den Weg zurück ins Team, weil er a) angeblich Verantwortung übernimmt und b) genauso angeblich die Ärmel hochkrempelt und seine Kollegen mitreißt. Alles unbewiesen. Fakt hingegen ist, daß er den von Michael Blättel gehaltenen Vereinsrekord für alleinverschuldete Gegentore pulverisiert hat. Das vorentscheidene 2:1 zieht mir den Boden unter den Füßen weg, dem 3:1 habe ich nichts mehr entgegenzusetzen und das 4:2 lasse ich apathisch über mich ergehen. Jemand zerrt mich weg. Der Abstieg ist perfekt. Soweit hätte es nicht kommen müssen. Leider standen aber zu viele Begegnungen unter dem Motto: Kampf, Einsatz, Spielfreude? Das lassen wir einfach weg. Die Zuschauer merken es sowieso nicht. Stattdessen erzählen wir lieber: „Alles gegeben; Pech gehabt; darauf können wir aufbauen; wir haben ja noch soooviele Spiele.“ Macht uns nichts vor. Wir haben Euch schon lange durchschaut und unsere Rache wird furchtbar sein. Die braven Ulmer Fans wissen nichts über solche Leiden. Wenn ihre Mannschaft in 2 Jahren in die Regionalliga absteigt, gehen sie einfach nicht mehr hin und bald werden sie das Intermezzo des SSV Ulm im Profifußball vergessen haben. Schade, um die neue Gegentribüne.

 

erschienen in Nimm mich Volley Nr. 1, 01. August 1999

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Tag(s) : #Mirhammasupagespielt
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