MSV Duisburg – Fortuna Düsseldorf 2:1 (0:0) - „Abstiegsschimi“ oder Live-Ticker mit mir selbst
Freitag, 29 April 2016
17:55 Uhr – Die letzten Gedanken vorm Spiel. Die letzten Gedanken, bevor ich in den „Tunnel“ eintauche.
Kennt Ihr das? Man klammert sich an eine Liebe, die längst erkaltet ist, aus Angst vor der großen Leere, die dort entstünde, wo einmal das Herz exklusiv für eine Dame, ein Haustier oder eben den Leib- und Magenverein geschlagen hat. Schon längst gilt für mich die alte Campinoweisheit nicht mehr, nach der alles emotional austauschbar ist, nur der angeblich einzig wahre Fussballklub nicht.
Jahrzehntelang habe ich, wie so viele andere, mein Leben stringent und widerspruchsfrei nach dieser Maxime gelebt und alle Spießer verhöhnt, die sich so gar nicht für nie-enden-wollende Talfahrten und Auswärtsklatschen bei Bremen II erwärmen konnten.
Doch das Feuer ist weg. Vielleicht liegt's am Alter und dem gutbürgerlichen Status, möglicherweise aber auch an den drei Jahren, die wir seit der Bundesligarückrunde 2013 in der Hölle verbracht haben.
Wer kennt noch all die Namen der Spieler, Trainer und Funktionäre, die mit ihren gruseligen Kurzauftritten im Zirkus Fortuna wenig bis gar keinen bleibenden Eindruck hinterlassen haben?
Ich jedenfalls nicht.
Warum sollte man auch seine Hoffnung in Spieler setzen, die es nicht mal ansatzweise schaffen sich vor meinen rosaroten Brillengläsern in kleine Zewes, Demandts oder Schmadtkes zu verwandeln?
Stattdessen reihen sie einen blutleeren Auftritt an den nächsten, unterbrochen lediglich von halbwegs akzeptablen Leistungen, die sie aber so gut wie nie 90 Minuten lang abrufen können. Dagegen fällt es ihnen spielend leicht über die komplette Spielzeit unzurechnungsfähig und ohne jegliches Verständnis füreinander über den Platz zu stolpern als wären sie eine Truppe von Hilfsschülern, die sich noch nie zuvor gesehen haben.
Doch am Ende des Weges kann ich als ehemaliger Die-hard-F95-Fan nicht teilnahmslos zusehen, wie der seelenlose Haufen den Verein bis auf drei Schritte an den Abgrund heran manövriert hat. Jetzt geht's wirklich um alles. Die Wochen der Wahrheit stehen an. Zum ersten Mal in dieser Spielzeit werden weder Phrasen, Ablenkungsmanöver noch Vertröstungen dem Team Atempausen verschaffen. Duisburg, FSV Frankfurt oder wir - wen wird es erwischen? Wer ist manns genug? Sieg oder Stirb! Do or die! Dazwischen gibt es nichts. Schaffen wir das? Wollen wir überhaupt? Wollen sie überhaupt, unsere Püppchen? Ja? Ok, dann zeigt es uns. Am besten schon heute in der stahlharten Stadt der tausend Feuer. Nur wenn ihr diesem Stahlbad entkommt, ohne zu zerschmelzen, gelangt ihr eventuell auch wieder in mein Herz. Taten statt Worte! Männer oder Memmen! Es zählt nicht das gestern oder morgen, nur das Heute! Auf geht's Burschen!
17:59 Uhr - Noch 30 Minuten bis zum Showdown an der Wedau. Gibt es ein Happy End für die rot-weißen oder ein Waterloo? Mir scheint es fast so als hätten wir mit Untergängen deutlich mehr Erfahrung als mit hollywoodreifen Saisonabschlüssen, die nach Wunsch verlaufen.
Fast fühle ich mich ein wenig wie ein Bayernfan letzten Mittwoch: ob wir reüssieren können oder nicht wird zu einem Großteil auch von der Leistung des Gegners abhängen. Tritt der MSV eher stark und selbstbewusst wie Atletico Madrid auf, dann wird es morgen früh ein fürchterliches Erwachen geben. Oder werden die Zebras verschüchtert wie kleine Stoffhäschen rumeiern und der Fortuna den Klassenerhalt auf dem Silbertablett liefern? Ich würde ihn nicht ablehnen. Aber die Wahrscheinlichkeit für die Angsthasennummer schätze ich deutlich geringer ein. Der MSV wird sich vermutlich voller Wagemut in die Partie stürzen. Abzuwarten bleibt auf welcher Seite der zu erwartende Endzeitkampf zu unschönen Verkrampfungen führen wird.
18:00 Uhr - Eigentlich wunderbare Voraussetzungen für einen spannenden Abstiegskrimi in toller Atmosphäre.
18:07 Uhr - Leider habe ich es wieder nicht ins Stadion geschafft obwohl ich immer ein leidenschaftlicher Auswärtscruiser war. Den letzten Auftritt von F95 habe ich vor zwei Jahren in Sandhausen miterlebt Warum? Weil mir die Anti-Heroes der Fortuna seit 2014 jegliche Motivation genommen haben mich zb in das Abenteuer Auswärtstour nach Nürnberg zu stürzen, auf der es an einem unwirtlichen Dienstagabend ein 5:1 der Glubberer im Pokal zu bestaunen gab. Das kann man mal machen wenn man jung ist oder dem Alkohol zugeneigt - leider bin ich beides nicht (mehr).
18:08 Uhr - Die Nervosität steigt. Ein Blick auf die Aufstellung verrät: Friedhelm Funkel, der alte Fahrensmann, macht vieles richtig. Aber seine Möglichkeiten sind beschränkt. Das spielerische Potenzial ist bei uns eben nur rudimentär vorhanden.
18:13 Uhr - Sararer und Djurdcic haben den Grippe- bzw. Zerrungsjoker gezogen. So what? Ebenso fehlt der zuletzt starke „Finki“. Ihn werden wir schmerzlich vermissen. Immerhin bleibt das große Talent, Marcel Sobottka, im Team. Bravo, Friedhelm. Funkels Dilemma: Er muss ELF Mann aufstellen. Und so führt kein Weg an Schauerte, Pohjanpalo, Schmitz und Bellinghausen vorbei, die sich immer wieder mal indisponiert zeigen. Daumen drücken, dass es nicht wieder alle vier gleichzeitig trifft.
18:16 Uhr - Dilemma2: Die DFL schreibt Einwechselspieler vor. Um die Quotenregelung zu erfüllen werden Julian Koch und Christian Strohdiek auf die Reservebank gespült. Einen anderen Grund für ihre Berücksichtigung kann es nicht geben. Bei einer Einwechslung genannter Kicker ist sofort Gefahr im Verzuge. Möge der Kelch mit dem Elch an uns vorüberziehen.
18:19 Uhr - Immerhin könnte es zum Debüt Kemal Rüzgars kommen, dem Toptorjäger von Fortunas U23. Er sitzt auf der Bank, denn Funkel weiss, ohne eigene Tore bleibt der angekündigte Versuch auf drei Punkte zu gehen schon in den Kinderschuhen stecken.
18:47 Uhr - Schockstarre nach 15 Minuten im Regen von Duisburg und auf meiner Couch. Während Fortuna mit unterkühltem Temperament über den Platz schleicht, haben andernorts die 60er und die Frankfurter ihr Herz in beide Hände genommen und Führungen erzielt. Das ändert einiges, wenn nicht gar alles. Denn, bliebe es so, käme ein Unentschieden praktisch einer Niederlage gleich.
18:50 - Danke, Kevin Wolze
18:57 - Ich mag Duisburg ja. Aber beide werden es wohl nicht schaffen drin zu bleiben. Leider.
19:06 - Das große Zittern beginnt, oder geht es einfach nur weiter? Wer kann das genau sagen? Jedenfalls präsentiert sich Fortunas Abwehr von Minute zu Minute wackliger als eine amtliche Götterspeise. Und nach vorne geht in gewohnter Manier NICHTS.
19:22 - Erste Halbzeit bietet einen für diese Saison typischen Auswärtsauftritt der Fortuna. Man versucht irgendwie über die Runde zu kommen und geht ganz klar auf ein 0:0. Spielerisch hat man nichts zu bieten, ist dafür aber ein Meister an Zerfahrenheit. Bemühungen das Spiel zu gestalten sind nicht zu erkennen. Kreativität ist anscheinend verpönt. Ein Königreich für einen legitimen Nacholger von Andrzej Buncol!
19:24 - Sobald der Gegner merkt, dass wir nur heiße Luft zu bieten haben und das Tempo anzieht, entstehen sofort die für uns peinlichen und prekären Aktionen. Unsere Abwehr ist in keiner Formation annähernd zweitligatauglich.
19:32 - Die Jubelperser aus Fortunas Medienabteilung schwadronieren grade über unsere Leistung (?) in der ersten Halbzeit als „Tollen Kampf unserer Jungs“. Gespenstisch.
19:33 - 1:0 MSV - ich will sterben
19:33 - Guten Morgen, Herr Schauerte. Gestatten, Kingsley Onuegbu mein Name!
19:37 - Eckball? Das darf doch nicht wahr sein. Unser erster? Jetzt schon? Nach 52 Minuten?!?
19:57 - Nanu?!? 1:2. Pohjanpalo, eiskalt wie ein skandinavisches Fischstäbchen
19:58 - Mit dem Rücken zur Wand spielt es sich halt manchmal leichter
20:15 - Sappradi, Talent Rüzgar hätte es fast gemacht. Geschichten, die nur der Fussball schreibt. Manchmal aber leider nicht zu ende...
20:24 - Das war's. Glückwunsch an den MSV. Vielleicht bleiben doch beide drin. Meine Freundin ist jetzt da. Ich denke sie will Trost spenden. Deshalb ist mit Fussball für heute Schluß.
30.04.16, 06:37 Uhr - Der Morgen danach - ich checke meine Gefühlslage nach dem Desaster von Duisburg. Enttäuschung? Ja! Aber Wut, Trauer, Verzweiflung? Fehlanzeige. Es ist beinah noch enttäuschender, dass wir nach dem Rumpelauftritt immer noch über dem ominösen Strich stehen. Echt beschämend. Ich registriere mit Erschrecken, dass mir die Mannschaft so fern und fremd ist wie Karl Heinz Rummenigge. Die wäre definitiv Absteiger der Herzen. Aber da ist ja nicht nur diese Jammertruppe. Es gibt noch mehr - das Wappen, die Farben, die Erinnerung an glückliche Kindernachmittage mit Opa auf der Vortribüne des Rheinstadions. Es gibt Pokalsiege und die unvergessliche Nacht von Basel. Die Liebe zum Verein wird nie verschwinden. Das schaffen Demirbay und Co nicht, auch wenn sie sich scheinbar alle Mühe geben. Der Verein zählt. Darf diese Tradition ein zweites Mal nach 1999 in der Drittklassigkeit versinken? Natürlich nicht. Das würde auch den Zwangsabstieg der U23 bedeuten, die in der Regionalliga West einen fantastischen Job macht. Für den Talentschuppen wäre es fast noch bedauerlicher. Ein Doppelabstieg muss vermieden werden. Mit aller Macht. Nur wie, wo doch bislang in dieser Saison fast alles den Bach runter gegangen ist? Jetzt alle Hoffnung auf das entscheidende Heimspiel gegen den FSV Frankfurt zu setzen, erscheint fahrlässig. Aber es ist so. Ein Heimdreier gegen die ebenfalls dem Ende entgegen taumelnden Bornheimer wäre gleichbedeutend mit dem wahrscheinlichen Klassenerhalt. Und so wird es am Sonntag, den 8.5. zum ultimativen Showdown kommen. 30.000 gegen 300 Fans. Ein viel zu verschlafener Riese gegen einen unbedeutenden Stadtteilverein. Am Ende wird sich alles entscheiden. Wie bei Hitchcock oder 12 Uhr mittags. Ganz ehrlich, ich könnte auf die Anspannung und den nervlichen Stress verzichten. Ebenso auf möglichen Kummer danach. Aber am allermeisten kann ich auf die Pseudofreude verzichten, die bei einem Sieg und dem gelungenen Klassenerhalt um sich greifen würde. Ich will einfach nur noch, dass es vorbei ist. So oder so. Und dann ausmisten! Hinfort mit allen blutleeren Söldnern und modernen Fussballsklaven. Denen auf dem Platz, aber auch im Management. Bei uns ist kein Platz mehr für Euch. So oder so. Schleicht‘s Euch!