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Tor in Frankfurt

Eintracht Frankfurt - 1. FC Kaiserslautern 5:1 (29. Mai 1999)


Meistertitel und Uefa-Cup-Plätze sind meine Sache nicht. Als heiliggesprochener Fortunafan erliege ich naturgemäß der Faszination des Abstiegskampfes. Mich begeistert es, wenn minderbemittelte Fußballer sich aufbäumen und dank Teamgeist und Willenskraft das Unmögliche erreichen. So wie die Fortuna 1986 und 1996. Demgegenüber stehen jedoch zahlreiche gescheiterte Versuche. Als Mahnmal wird der Absturz des 99er Trümmerhaufens in Erinnerung bleiben. Aber es geht auch anders:

Ich wäre so gerne Eintracht-Fan

Ich gebe zu, daß ich manches im Leben richtig mache, aber auch vieles falsch. Einmal, jedoch, hatte ich ein wirklich goldenes Händchen. Im April 1999 abonnierte ich Premiere Digital. Fußball satt. Bald gelangweilt von ständigen Dortmund-, Leverkusen- und Greuther-Fürth-Übertragungen und geschwächt durch Fortunas immer prekärere Lage, begab ich mich auf die Suche nach einem Halt. Bremen? Bayern? oder Bielefeld. Nein, alle viel zu gut. Ich brauche eine richtige Versagertruppe, die um ihr Leben kämpft. Bochum? Nicht mit diesen Trikots. Rostock? Vielleicht. Aber es muß noch was besseres bzw. schlechteres geben. Eintracht Frankfurt. Genau. Eine Mannschaft voller Dilletanten, in aussichtloser Lage; aber ein echtes Team. Schnell küre ich Jan-Age Fjörtoft zu meinem Lieblingsspieler, Rolf Heller, zu dem coolsten Präsidenten und Bürgermeisterin Petra Roth zu dessen Mätresse. Nicht zu vergessen Fortunas Ex-Trainer, Jörg Berger.

Isch kenn` Disch

Nach zweitägigem Telefonmarathon mit der Premiere-Hotline, ist es angerichtet. Die neue Zeitrechnung beginnt mit Frankfurts 2:1 Sieg in Bremen. Ein Paukenschlag, aber auch die Wende? Eine Woche später wird Dortmund im Waldstadion 2:0 bezwungen. Grandios; leider punktet die Konkurrenz auch. Aber die Eintracht steckt nicht auf. Als Olaf Jansen auf Schalke zum 3:2 trifft, zeige ich erstmals echte Gefühlsausbrüche. Der Klassenerhalt ist keine Utopie mehr. Doch ich kenne solche Konstellationen nur zu gut. Abstiegskandidaten spielen groß auf, wenn sie abgeschlagen sind. Kämpfen sie sich heran, beginnt das Nachdenken und sie versagen. Ich bleibe skeptisch.

Was hat der Fußball mit uns vor?

Der letzte Spieltag. Alles ist möglich. 15 Uhr 25: Ich werde nervös. Die üblichen Knabbereien stehen bereit. Die Couchplätze sind verteilt und zerbrechliche Gegenstände aus dem Weg geräumt. Der VFB schießt das erste Tor. Da passiert nicht mehr viel, denke ich mir und hake Stuttgart als möglichen Absteiger ab. Wäre auch zu schön gewesen. Das schnelle 2:0 der Freiburger ärgert mich. Beim Führungstreffer der Rostocker gebe ich auf. Zu diesem Zeitpunkt wäre ich Wetten mit ungesundem Einsatz darauf eingegangen, daß die Entscheidung bereits gefallen ist.

 

Zur zweiten Halbzeit gesellt sich Freundin Anja zu mir. Weiß sie, worum es geht? Daß sie mir bloß nicht mit Objektivität kommt. Und es soll auch nicht der Bessere gewinnen, sondern die Eintracht. Ich bin jedenfalls fürchterlich aufgeregt und gnadenlos parteiisch. In der 49. Minute geht Frankfurt tatsächlich durch Yang in Führung. Eine Verlängerung der Leiden, sonst nichts. Schjönbergs Elfmetertor zum 1:1 bestätigt mich. Es ist der Zeitpunkt gekommen, ein Zeichen zu setzen. Ich schreite zur Tat und schalte das Radio ein. Nur das kann noch helfen. Eine technische Besonderheit gilt es hier zu erklären. Der Radio-Ton wird ca. 1 Sekunde schneller als das Fernsehbild übertragen.

 

Noch nie bin rascher belohnt worden. Das 2:1 köpf` ich praktisch selbst. Es ist mein Tor.

Jetzt ist Bochum am Zuge. Ich versuche es mit Telepathie. Zack: Kuntz köpft das 1:1. Yes! Die Eintracht ist momentan gerettet. Peschel (!) legt das 2:1 nach. Der Osten taumelt.

Die TV-Liveübertragung wechselt zwischen dem Ruhr- und dem Waldstadion hin und her. Aus dem Radio im Nachbarraum ertönt immer wieder ein heiseres: Tor! Tor! Tor ... in Berlin, ... in München, ...in Duisburg. I-n-t-e-r-e-s-s-i-e-r-t  k-e-i-n-e-n. Hansa und die Eintracht schießen je zwei Tore im Sekundentakt. Plötzlich ist Nürnberg um ein Tor Drittletzter.

 

Gespenstische Stille. Was macht das Radio? Es ist zu leise eingestellt, aber Günter Kochs sich überschlagende Stimme verheißt nichts Gutes. „Tor in Nürnberg. Tor für die Clubberer.“

Okay, das war`s. Eintrachts famose Aufholjagd war wohl umsonst. Ich ziehe meine letzte Trumpfkarte: Ich springe auf und schreie, sinke zusammen und sage Beschwörungsformeln auf. Was macht Anja? Sie liegt völlig entspannt auf dem Sofa. Ich stöhne sie an. „Gib`s zu. Du willst es doch auch.“ „Ja, Ja ich will.“ „Du willst doch auch, daß die Eintracht drinbleibt.“ „Hä?“

Als Fjörtfoft den „Move“ machte

Letzte Minute. Ein Tor fehlt noch. Ich bin bereit zur völligen Selbstverleugnung. In diesem Moment bin ich Eintracht Frankfurt. Westerthaler läuft Richtung Tor, stolpert beim Anblick Sforzas. Die „Pille“ kommt zu Fjörtoft. Frei vor Reinke schwebt dieser über dem Ball. Die Stimmen im Radio werden lauter. Sie wissen wegen des Zeitvorsprungs mehr als ich. Was wollen sie mir mitteilen? Tor in Duisburg etwa? Existiert Gott? Tooor in... reicht mir schon. Ohne die Bestätigung durch das TV-Bild abzuwarten, nehme ich prophylaktisch die ultimative Jubelpose ein. Ich täusche rechts an und laufe - laut schreiend - links an mir selbst vorbei aus dem Raum, aus dem Haus, aus der Stadt. Unsere Kätzchen hängen - starr vor Schreck – senkrecht unter der Decke. Als ich zurückkehre ist alles vorbei. Anja ist begeistert. In der Zusammenfassung sehe ich den famosesten Übersteiger der Sportgeschichte und später noch Nürnbergs Riesenchance aus derselben Sekunde. Schluck. Gut, daß man manche Sachen erst nachher weiß. Schön war`s. Ganz herrlich, ein Krimi mit Happy End. Ich bin glücklich.

 

Stop. Ich bin Fan von Fortuna Düsseldorf. Ich bin traurig.

 

erschienen in Nimm mich Volley Nr. 1, 01. August 1999

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Tag(s) : #Fußball pur!
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