Das letzte Ufer
Das Spiel war noch keine zehn Minuten alt und ich war bereits mit meinen Nerven völlig am Ende. Die Siegener kamen über links, über rechts und über fallartig. Nach diesen Angriffswirbeln wünschte ich mir eine totale Sonnen-, Mond- und Sternefinsternis herbei. Und was soll ich sagen, sie kam! Dunkle Schatten suchten das Leimbachstadion heim. Sturzbachartige Regenfälle praßten hernieder. Fortan schwammen unsere tapferen Krieger eine Sturmwelle nach der anderen Richtung Sieg. Doch es blieb nach ehrlichem Männersport beim für beide Seiten (!) glücklichen 1:1. Um 21 Uhr tasteten wir uns in völliger Dunkelheit zu unserem vierrädigen Gefährten zurück. Wir glaubten fest daran, daß sich die komplette Welt außerhalb dieses schönen, grünen und friedlichen Tals für immer verabschiedet hatte. Mit uns Fortunen als einzige Überlebende. Wir sind am letzten Ufer. Und von hier aus wird eine neue, eine bessere Welt entstehen. Mit unserer persönlichen Ordnung: Ohne Sammelklagen des Verbandes Einarmiger gegen second-hand-shops, ohne Nacktbackverbot, ohne Brückengroupies und ohne Fortuna-Abstiege, dafür mit Salami-Marzipan-Kuchen für alle, vielsagenden Beatles-Reunion-Konzerten, Männerhandtaschen (Marke Detlev) und einem Leben für den Fußball. Wir fuhren immer weiter die Straße entlang und verließen das Tal. Bald mußte doch Schluß sein. Hier irgendwo mußte sie doch untergegangen sein, die Welt. Vielleicht hinter der nächsten Kurve. Mist, wieder nichts. Als ich in Benrath vor meiner Haustür stand, kamen mir erste Zweifel an meiner Theorie. Alles hätte so schön sein können. Jetzt galt es auch in Zukunft, die Dinge so zu nehmen, wie sie eben kommen (z.B. volley).
Eintracht Trier – Fortuna Düsseldorf 2:0 (August 1999)
Liebes Christkind,
ich wende mich an Dich, weil ich völlig verzweifelt bin und Du mir als letzter Hoffnungsschimmer erscheinst. Weder der smarte Herr Gelsdorf, noch der umtriebige Vorstand oder die stets gutgelaunte Mannschaft, haben bisher meine Gebete erhört. Ich weiß, es ist noch ein wenig früh für Weihnachtsgeschenke, aber ich übermittle Dir jetzt schon meine Wunschliste, weil da eine Menge Arbeit auf Dich zukommen wird. Und vielleicht hast Du ja mal zwischendurch eine freie Minute, in der Du so nebenbei das ein oder andere Wunder geschehen lassen kannst. Ich wünsche mir von Dir eine homogene und erfolgreiche Mannschaft aus Spielern, die schnell, passsicher, engagiert, kreativ, selbstbewußt und zweikampfstark sind und darüber hinaus konstant gute Leistungen für Fortuna bringen. Was vergessen? Ach ja. Torgefahr kann sicher nicht schaden. Und erlöse uns von dem Bösen, diesem Unterzahlphänomen, den Ausreden der einäugigen Verantwortlichen und dem Verhöhntwerden in der Provinz. Ich glaube nicht, daß diese Bitten maßlos sind, schließlich geht es dabei nicht nur um mich. Die ganze Fangemeinde steht vorm nervlichen Offenbarungseid, wie mir ein Blick auf meine Blocknachbarn George Zip, Hinkebeinchen und Rigobert Gruber in Trier verriet. Diese eher ruhigen Zeitgenossen flippten völlig aus. Sie titulierten Anwesende mit dem F(Ordenewitz)-Wort, wechselten ihre Hautfarben willkürlich und lösten sich anschließend in sämtliche Bestandteile auf. Zurecht: Drei Pleiten in sieben Spielen. Das ist zuviel. Wir dürfen nicht vergessen wer wir sind (Fortuna Düsseldorf), wo wir herkommen (von oben, wie Du), wo wir sind (Schwamm drüber) und wo wir hinwollen (BL). Ich möchte nicht immer auf andere eifersüchtig sein müssen, weil die es besser haben und prahlen können: Meine Meerjungfrau, meine Spitzenmannschaft, mein Nudelsalat. Hab` ich alles nicht. Ich nenne nur ein altes Gummiboot, ein Kellerkind und Thunfisch aus der Hose mein eigen. Also, lieber Weihnachtsmann, gib´ Dir ein wenig Mühe und Du kannst abertausende Menschen hier unten glücklich machen und für Frieden und Gerechtigkeit sorgen. Daß wolltest Du doch immer. Und wenn es mit dem Fußball nicht klappt, nehm` ich gerne auch ein paar willfährige Sklavinnen zum Fest.
Amen.
Wuppertaler SV – Fortuna 1:0 (22.09.1999)
Wenn ich ganz lieb zu mir selbst sein möchte, lausche ich, auf dem Rücken liegend - das Inhalieren von Haschzigaretten simulierend – dem Abbey-Road-Album der Beatles. Oder ich fahre im Cabrio (das ich noch nicht habe) mit langen Haaren im Wind wehend (die ich nicht mehr habe), Down under von Men at work auf Lautstärke 12 hörend, die Straße entlang Richtung Süden der Freiheit entgegen. Wenn ich dort angekommen bin, wünsche ich mir eine gut gemachte, preisgünstige Geschlechtsumwandlung und stelle mir ein romantisches Dinner mit Robby Naish oder einem der männlichen Baywatch-Darsteller vor. Dann geht`s mir gut. Wenn ich aber richtig böse mit mir sein möchte, so mit Inkontinenz, Selbstkasteiung und Augenkrebs, dann fahre ich nach Wuppertal und hole mir als Fortune eine hochnotpeinliche 0:1-Katsche ab. Dann geht`s mir richtig schlecht. Beim nächsten Pokalspiel gegen unterklassige Gegner werde ich mir lieber einen Massageabend im türkischen Bad gönnen oder mir ein Auto mieten, um Jagd auf Nonnen zu machen, oder besser noch beides.
erschienen in Nimm mich Volley Nr. 2, November 1999