Ja Gut ich sach ma..., SC Freiburg
Beim ersten Durchblättern, dachte ich nur: was für ein Müll. Okay, ich wußte, daß man nichts gegen die heiligen Freiburger sagen darf. Diese sympathische Intellektuellentruppe (Achtung Klischee) wird in ganz Deuschland geliebt. Genausowenig geziemt es sich über Blindenhunde, schwitzende Senioren oder (erst neuerdings verboten) über, auf 5000 Meter hohen, verschneiten Bergpässen, gebärende Albanerinnen zu lästern. Ich mach`s trotzdem. Damit ich diesmal nicht als Spielverderber dastand, gab ich dem Heft eine zweite Chance und stieß auf einige Perlen von betörender Schönheit. Da ist zunächst die Liebeserklärung an Jolanta. Sie ist die hübsche Pächterin der Gaststätte des einstigen Rivalen Freiburger FC, der dem Ruin ins Auge blickt. Jolanta kämpft diesen leidenschaftlichen, nahezu aussichtslosen Kampf um die Rettung ihres geliebten Vereins, so wie Schwangere gegen Heißhunger, Milchmädchen gegen Rechnungen und Siegfried gegen Roy kämpfen. Viel Glück dabei. Liebeserklärung Nummer 2 an den Fußball verfaßte der schottische Korrespondent Coinneach McCabe (ein Name, den man nicht erfinden kann) in einem herrlich falschen Deutsch. Nach dem Motto: wir nix können Fußball spülen, aber weer campen mit ophänem Vizir, berichtet er über angekettete, zahnlose Torhüter, vollgekotzte Katzen in Waschmaschinen und beherzt zutretende Verteidiger. Absolute Weltklasse fürs Breisgau ist das Zwiegespräch eines Patienten mit seiner Seelenklempnerin. Hier werden Weisheiten verkündet, die per Doktrin, aber mindestens per Gesetz, für alle Menschen gelten sollten: „Leben und Fußball sind für mich keine getrennten Bereiche. Das eine durchdringt das andere, und wer sagt, daß ist doch nur ein Spiel, ist schon immer erledigt gewesen für mich“. Treffer versenkt würde ich meinen, aber es kommt noch besser: „Ich will, daß die Welt ein angenehmer Platz zum Sein ist, jeden Tag neue, interessante Sachen, für ewig jung sein. Das kann doch wohl nicht zuviel verlangt sein“. Ich rufe ihm zu: Nein! Seine Psychomaus glaubt dagegen ja, und umwickelt meinen Helden mit einer Argumentationskette, bis er atemlos schlußfolgert: „Ich hasse Fußball“. An dieser Stelle möchte ich mich ausnahmsweise nicht chauvinistisch über Frauen äußern, sondern das „Ja gut ich sach mal“ zu wunderschönem Müll erklären.
„Ersatzreifen“
Erwin Nr. 27, Offenbacher Kickers
Ich liebe den OFC. Freilich nicht so wie Fortuna, die Beach Boys oder Pierre Littbarski, aber bestimmt heftiger als Streuselkuchen, Späße mit versteckter Kamera und Clint Eastwood, und das will schon einiges heißen. Deshalb war für mich auch die Aufstiegsrunde Pflicht. Ich erkenne neidlos an, daß die Offenkickers Bachers gegen Trier und Osnabrück Hundefußball vom Feinsten boten. Immer nach vorne auf den Pitbull Dirk Vollmar, der die Gegner reihenweise zerfleischte. Der OFC war zu schlecht, um zu wissen, daß er eigentlich zu schlecht war, den Zweitliga-Aufstieg zu erzielen, aber er hat es trotzdem geschafft und ich hab` mich gefreut. Wie Millionen andere natürlich auch. Respekt. Wirklich gut ist dagegen der Erwin. Die Redaktion schafft es mühelos in der Winterpause ein 80seitiges Heft zu produzieren, und zwar so, daß sich auch der (Achtung, jetzt male ich ein Schreckgespenst) „neutrale Fußballiebhaber“ amüsieren und informieren kann. Die Hallenerfolge der Kickers werden minuziös nacherzählt, die fast beängstigende Fannähe der Spieler durch Trainingslagerstorys und Interviews geschildert, doch eine Gänsehaut überkommt einen erst, wenn man die Geschichten zweier großer Fußballegenden (die eine spielt noch, die andere lebt – na ja so gerade – noch) liest: Steve Bull und Namenspatron Erwin „Spielothek“ Kostedde. Ersterer ist der personifizierte Fußballgott. Bull stieß 1987 zum damaligen Viertligisten Wolverhampton Wanderers (so `ne Art britisches Rot-Weiß Essen), schoß seitdem über 300 Ligatore, nahm sogar an der WM 1990 teil und schlug Top-Angebote von allen Erstligisten der Welt aus! Dank seiner Uwe-Seeler-Gedächtnis-Vereinstreue spielen seine Wolves (und übrigens auch die von Robert Niestroj. Wem?) wieder in Englands zweiter Klasse und Steveee Bull ist das Idol aller Fans von der Insel. Deservedly so. Ganz anders nur ein Paar Seiten weiter. Dort wird auf einen besinnlichen und traurig stimmenden WDR-Film zurückgeblickt, der das Leben des ehemaligen OFC-Stürmers Erwin Kostedde nachzeichnet. Dieser ist am Boden zerstört. Seine Karriere war nicht nur von Toren und Erfolgen gekennzeichnet, sondern auch von falschen Freunden, Alkohol und Vorurteilen. Nach seinem Laufbahnende kam es knüppeldick für Erwin: Keine Arbeit, kein Geld, sogar Gefängnis, wegen eines letztlich nicht nachgewiesenen Überfalls auf eine Spielhalle. Aus dem braunen Bomber von einst, ist ein gebrochener Mann geworden. Schade.
„Im Sturm fallen keine Gegentore“
Fan geht vor Juni/Juli 1999, Eintracht Frankfurt
Heft Nr. 75 zum Finale Furioso gegen den 1. FC Kaiserslautern. Vermischtes, wie Spielberichte, Sozialkacke (Hilfe, Mami! Rauchbomben können Krebs erregen) und Historie langweilen extrem, werden diesem großen Verein nicht gerecht und stimmen keineswegs auf das Märchen ein, das an diesem Nachmittag noch geschrieben werden sollte. Zwei Köstlichkeiten bewahren das Eintracht-Fanzine vor einer Einreihung zwischen weiße Tennissocken und esoterische Pauschalurlaube: Zunächst ein Foto, auf dem Jupp Heynckes und Hans-Hubert Vogts aufs Heftigste miteinander rumknutschen! Ungelogen. Das erklärt so einiges: Bertis Beziehung zu seinem Söhnchen Justin zum Beispiel und warum Stephan Paßlack Nationalspieler werden konnte. Zweitens, der göttliche, längst überfällige Cheerleader-Report. Lechz, sabber, äh..?, nochmal lechz. Wenn schon peinliche Amerikanisierung, dann doch bitte mit hübschen, tanzenden jungen Dingern (Tanzen ist übrigens die vertikale Form einer beliebten horizontalen Beschäftigung). Während andernorts manchen dieser Mädels wahlweise eine Kopf- oder Körpertransplantation zugute kommen würde, sind die Cheerleader der einheimischen Red Eagles alle modeltauglich. Der Bericht liefert auch Fotos von brasilianischen Einpeitscherinnen. Wer an einer aufmüpfigen Hormonstörung leidet, sollte sich bis zur nächsten Winterpause das Geld für einen Flug nach Rio zusammensparen. Es lohnt sich. Da FRAUEN im Frankfurter Fußball offensichtlich groß geschrieben werden, erwarte ich für die nächste Ausgabe eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Torwart-Frauen. Das sind nicht die besseren Hälften von Nikolov, Dr. Kunter und Stein, sondern die Sportlerinnen, die beim Damenfußball im Tor stehen. Wobei stehen schon eine gute Stellenbeschreibung ist, die ergänzt werden muß um: „in die dem Ball entgegengesetzte Richtung springen“, „Kullerbälle selbst reinbaggern“, „mit einer Bahnschranke im Zeitlupentempo dem Ball das Geleit ins Tor geben“ und „Ball nach vorne zur einschußbereiten Stürmerin abklatschen lassen“. Bei der WM in den USA wurde die nigerianische Torfrau beim Stande von 0:3 ausgewechselt, weil sie einen schwarzen (!!!) Tag erwischt hatte. Ich glaube, daß Damenteams mit einer Olga Kratochwilova oder einer Romy Haag im Tor unbezwingbar wären. Dies nur als Anregung für die Frankfurter Kollegen.
Lebbe geht weider.
„Columbo und die Klangfrühstücksommerlochpause“
Um halb vier war die Welt noch in Ordnung Nr. 16, Arminia Bielefeld
Multi-Kulti in Bielefeld: Karim Bagheri als örtlicher Taxifahrer, der nächtens Jürgen Gelsdorf, J.R. Ewing und Cosmo Kramer durch Ostwestfalen chauffiert und tagsüber in seinem Kebab-Palast in Gelsenkirchen schuftet, um seine horrenden Rechnungen für Schnauzer-Pflegemittel begleichen zu können. Hooligan-Storys aus Polens vierter Liga, in der sich durstige und vermummte Fans mit Betonplatten und Polizisten beschmeißen. Und eine sehr gelungene Verarbeitung des Abschiedsschmerzes um Ali Daei, dessen Versprechen noch aussteht, mit Bagheri und allem drum und dran, in der Banane mal richtig einen drauf zu machen. Dadurch gerät das Heft am Ende doch noch spannender als ein bulgarischer Themenabend auf Arte. Apropos Bulgarien. In der schönen Heimat Adalbert Zafirovs hat sich einmal folgende Geschichte zugetragen: Eines Tages war das bulgarische Volk sehr zornig und böse. Es drohte eine Revolte auszubrechen, weil die aufgebrachte Bevölkerung nicht glauben wollte, daß die damals ausgestrahlten Columbo-Folgen, wirklich alle verfügbaren Episoden waren. Sie vermutete eine Zensur und Bevormundung durch die Regierung. So wurde Peter Falk, alias Inspektor Columbo, gebeten, eine Ansprache via Fernsehen an die bulgarischen Zuschauer zu halten. Er tat, wie ihm geheißen: „Legt die Waffen nieder. Seid geduldig. Eure Regierung ist nicht verantwortlich. Es wird mehr Columbos geben“. Gespenstisch. Zum Schluß meine persönlichen Haß-Charts: 5. Pelé 4. Jürgen Fliege 3. Love Parade 2. Tim Lobinger 1. Mola Adebisi. 1. mit * Reinhold Beckmann.
„Tunten unter Tannen“
Notbremse Nr. 14, Hannover 96
Ein sehr kritisches Heft, das sich mit allem auseinandersetzt, was dem jungen, intellektuellen, TAZ-abonnierenden, wohlerzogenen, frommen, George-Michael-Schumacher-Jackson-hassenden, verbitterten, warum-wurde-ich-beim-Schulsport bloß-immer-als-Letzter-gewählt-frustrierten, tu-nich-guten, Parmesan-essenden, Rotwein-liebenden, Gespräche-bis-tief-in-die-Nacht-führenden, The-full-monty-vergötternden und Surf-Nazi-verachtenden Hannover-Fan widerstrebt. Nur mit einer unumstößlichen Tatsache beschäftigt sich das Fanzine fahrlässigerweise nicht: Mit der Homosexualität Robin Hoods. Der britische Nationalheld war nämlich schwul und fühlte sich mehr zu seinen lustigen Gesellen im Wald als zu Maid Marian hingezogen, die vermutlich sogar nur eine Erfindung war, um Robin für die heterosexuelle Leserschaft respektabler zu machen. Die erotischen Anspielungen in seinen Balladen, sind leicht zu interpretieren: Der grüne Wald an sich ist ein Symbol für die Männlichkeit, und auch die Verweise auf Pfeile, Köcher und Schwerter sprechen Bände. Ebenso gab sein Lebensstil Anlaß genug für Spekulationen. Es ist somit an der Zeit, daß die Öffentlichkeit den Beitrag berühmter Homosexueller (Neben Hood sind das: Effenberg, Copperfield und Mick Jagger) würdigt, und die Kinder seine Abenteuer sorglos nachspielen dürfen. Hannover, wir erhören Dich.