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Von Fliegenfängern und Kirmesboxern

 

Wäre ich mit dem malerischen Talent eines Edward Munch gesegnet, hätte ich noch letzte Nacht ein Selbstporträt gezeichnet, in dem man die Enttäuschung über die Leistungen der Millionenstars von der Insel in tiefen Furchen aus meinem Gesicht hätte ablesen können.

 

Schon Michail Gorbatschow ahnte, "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" und so stand es bereits 1:0 für die Fußballgroßmacht England als wir vom WM-Ausgleichsbewegungsprogramm heimkehrten und uns auf die Couch schmissen. Infolgedessen wurden nicht nur wir, sondern vor allem die englischen Fans bestraft, die zahlreich in Rustenberg vertreten waren und mit ihren St.-George-Kreuz-Fahnen das weite Rund in eine prächtige Kulisse verwandelten.

 

Zum Spielverderber avancierte fast schon traditionell der eigene Torwart, in persona von Robert Green, der einen noch harmloseren Roller passieren ließ als sämtliche seine Vorgänger. Der Schock saß so tief, dass das britische Spiel von immer größerer Lethargie geprägt war und der Geheimfavorit am Ende sogar mit dem Unentschieden zufrieden war und dementsprechend ein peinliches Rückpaßfestival anbot. Jetzt winkt den tapferen Amerikanern sogar der Gruppensieg.

 

Ganz anders der vorherige Auftritt des anderen großen Titelkandidaten: Argentinien, das ist Passione, Tango, heiße Männerküsse - einfach Leidenschaft pur. Aber auch hier wurden Temperament und Spielkunst zu dosiert eingesetzt. Nach dem schnellen Führungstreffer zauberten Messi & Co zwar weitere Hochkaräter aus dem Hut, nahmen aber genauso oft das Tempo heraus und ergötzten sich an endlosen Ballpassagen van Gaal'scher Prägung. Diese setzten den unberechenbaren Trainer Maradona (daran muss man sich erst gewöhnen) derart in Verzückung, dass er keine Gelegenheit ausließ seine Kameraden zu herzen, abzubusseln oder bizarre Veitstänze aufzuführen. Das alles war nicht immer ästethisch aber zumindest weitestgehend jugendfrei. Sollten die Südamerikaner tatsächlich den Titel erringen, wird sich Letzteres mit Sicherheit ändern.

 

Die Gauchos fanden in Nigeria aber auch einen dankbaren Gegner vor. Die Afrikaner wirkten wie eine Kirmestruppe. Wie eine Ansammlung von Preisboxern, die erstmals über 12 Runden gehen mussten. Stehend k.o. nach 70 Minuten, geschüttelt von Wadenkrämpfen und nicht in der Lage die wackelige argentinische Abwehr ernsthaft in Verlegenheit zu bringen. Aber mit einem famosen Torwart Vincent Enyeama gesegnet, der sie vor einer Blamage bewahrt hat. Die eigenen Flanken- und Schussversuche erwiesen sich als absolut untauglich und erinnerten eher an einen Auftritt Azerbaidschans als an die die einst gefürchteten "Super Eagles". So scheint es, als habe Südkorea das Achtelfinalticket bereits sicher. Die Asiaten sind bislang das einzige Team, das fähig war, mehr als ein Tor zu erzielen.

 

Und so geht das Warten weiter auf das erste rassige Spiel bei dieser Weltmeisterschaft. Ein Spiel, in dem all das geboten wird, was den Zauber des Fußballs ausmacht. Tempo, Tricks und Tore statt biederem Verwaltungsfußball. Entfesselte Mannschaften, ohne Handbremse im Kopf, die befreit von taktischen Fesseln um den Sieg "spielen". Meine Hoffnungen ruhen dabei nicht zuletzt auf unserer deutschen Mannschaft. Heute abend ist es soweit. Wurde das Team noch unlängst mit scharfer Kritik und düstereren Prognosen überhäuft, so hat sich inzwischen doch nicht nur das Vertrauen auf deutsche Tugenden ("Turniermannschaft") sondern auch auf die spielerische Klasse von Özil, Marin und Schweinsteiger durchgesetzt. Die größte Gefahr besteht darin, dass Löw mal wieder von seinem selbst gepredigtem Leistungsprinzip abweicht und den schwachen und komplizierteren Trochowski anstelle des cleveren Thomas Müller auflaufen lässt. Das Experiment Badstuber birgt gegen defensiv-orientierte Australier nicht allzuviel Risiko und bei Klose, der so viel für Deutschland getan hat, hoffen wir doch alle auf die angekündigte Leistungsexplosion. Sollte diese ausbleiben, muss die Zeit von "Helmut" Cacau anbrechen, denn die Gegner werden nicht leichter werden im Laufe des Turniers und der gebürtige Brasilianer befindet sich in der sprichwörtlichen Form seines Lebens.

 

Noch eines sei den Untergangspropheten ins Stammbuch geschrieben, die eine baldige Heimreise erwarten, nur weil ein alter Stinkstiefel wie Torsten Frings nicht (nach)nominiert wurde: Deutschland ist noch nie, wird dieses Mal nicht und auch in Zukunft niemals in der Vorrunde einer WM ausscheiden. Und so ist es auch heute keine B-Mannschaft, kein 3:8 sondern die Socceroos werden einen für sie üblen, aber lehrreichen Auftakt erleben. Mein Tipp: 3:0 oder 3:1.

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Tag(s) : #Dirki bloggt die WM-EM
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