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...Nein! der Toni hat ihn nicht gehalten, den Ball von Burruchaga, damals im Stadion Azteka zu Mexico-Stadt. Er ist nicht der Aufforderung Rolf Kramers und von 29,6 Mio TV-Sehern im unvereinten West-Deutschland nachgekommen. Bis heute gibt es kein offizielles Dokument aus dem hervorgeht, warum der weltbeste Torwart im WM-Endspiel gegen die Gauchos einen 90-minütigen Blackout hatte. Wer weiß, ob nicht alles ganz anders gekommen wäre, wenn er ihn gehalten hätte, den Ball, der Toni. Zum einen wären wir natürlich Weltmeister geworden. Helmut Kohl wäre noch Kanzler und vielleicht würde Fortuna Düsseldorf noch immer in der ersten Liga spielen – ganz bestimmt sogar.

Szenenwechsel: Heiligabend 2008 – so gegen Mittag. Ich sitze auf dem Klo und schreie unvermittelt: „Queretaro!“ Freundin Anja und die Söhnchens Nici & Roman haben keine Ahnung was läuft. Mal wieder sind sie nicht im Bilde, wenn mich die Erinnerungen an die schönsten 4 Wochen meines Lebens übermannen: Mexico 86. Gerade jetzt, im Vorfeld des FIFA-Turniers in Südafrika,  erreicht das WM-Fieber bei mir erste Temperaturspitzen. In der grauenhaftesten und qualvollsten Jahreszeit (vulgo: Winterpause) schweift mein Blick wehmütig zurück an den langen heißen Sommer von vor 22 Jahren. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft war Deutschland die Lachnummer schlechthin. Die große Fußballnation hatte abgewirtschaftet. In der Vorrundengruppe mit Schottland, Uruguay und den aufstrebenden, ach so lockeren Dänen (trainiert vom Ex-Fortunen Sepp Piontek) gab uns kein Kenner eine Chance. Dabei standen doch so renommierte und spielstarke Akteure wie Rummenigge, Völler, Littbarski (die alle verletzt waren), K. Allofs und Magath im Team. Zusammen mit den Kampfschweinen Lolita Matthäus, Zehnkämpfer Briegel, Meister Eder und Dietmar Jakobs (Jacko hatte im unbedeutenden Vorbereitungsspiel gegen die Schweiz irgendwo an der Mittellinie einem Eidgenossen das Bein in zwei Teile zersplittert, die nicht wieder zusammengenäht werden konnten, weil die untere Hälfte unauffindbar blieb. Zum Dank wurde die Libero-Frage Augenthaler oder Herget im Laufe des Turniers mit Jakobs beantwortet) hätten sie eigentlich eine gesunde Mischung bilden können, zumal im März noch 2:0 gegen Brasilien gewonnen werden konnte. Aber sie haben sich gehaßt. Hier die Kölner. Dort die Bayern. Zwischendrin Hamburg und der Rest. Uli Stein nannte Teamchef Beckenbauer einen Suppenkaspar, weil er den selbst ernannten Torwartgott partout nicht aufstellte. Danach durfte er zwar immer noch nicht spielen, hatte aber wenigstens Samantha Fox von Seite 1 der BILD verdrängt und konnte dieses wenig magenschonende Drittweltland vorzeitig verlassen. Der frühe Kaiser höchstpersönlich lieferte die ganze Bandbreite seines unvergleichlichen Könnens ab. Er beschimpfte die ZDF-Leute als „geistige Nichtschwimmer“ und beklagte sich darüber, dass die Bundesliga ihn mit „dem größten Schrott aller Zeiten“ losgeschickt habe. Und einen Journalisten, der ihnen Frauen ins Quartier geschrieben hatte, bezeichnete er charmant als „so klein, dass man ihn nicht sehen kann“ und brachte gleichzeitig sein Unverständnis über den Schreiberling zum Ausdruck: „Was geht in so einem Mann vor? Was will er? Wird er geschickt von anderen? Ich versteh‘  es nicht.“ In diesen Tagen konnten auch 95% der Weltbevölkerung nicht verstehen, wie eine solche Mannschaft ins WM-Finale stolpern konnte und beinahe den Cup geholt hätte. Doch ich habe es schon vorher gewußt. Als der DFB-Zeugwart vor dem Abflug den silbernen Koffer mit dem Aufkleber Finale / Spiel um Platz 3 für die Sportreportage öffnete und die von mir verehrten grünen Trikots zum Vorschein kamen, fiel ich meiner - wie immer - zufällig im Bild stehenden Mutter um den Hals und jubilierte: „Juchee, wir werden Weltmeisteeer.“ Zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaftsform gibt es Randgruppen. So träumten einige Vermessene mit mir den kühnen Traum des totalen Triumphes. Überall, wo wir uns versammelten, wurden die schönsten Lieder gespielt. Wenn uns der Hafer gar arg gestochen hatte, durfte es schon mal Peter Alexanders „Mexico, mi amor“ sein, aber am beliebtesten – auch was sag‘ ich da – die Nummero Uno, war Arno Steffens einzigartiges „Tor für Deutschland“. Er gab unserem Team den Ratschlag: „Jungens, wenn Ihr in Mexico für Deutschland spielt, denkt immer an unsere Helden von 1954 in Bern – Jungens, macht es so wie damals.“ Sie haben seine Worte (fast) beherzigt. Noch heute kann ich, wenn man mich um 4 Uhr morgens weckt (wahlweise auch um 5), den Text auswendig runter rattern. Die Einwechslung von Dieter Hoeneß in der 62. Minute des Finales war sicher ein Höhepunkt in meinem Leben. Die Argentinier hielten ihn für das Maskottchen und ließen ihn leichtsinniger weise einen Eckball rausschinden. Und diese Mutter aller Ecken, getreten von Andy Brehme, landete über den Umweg Berthold auf der dauergewellten Stirn von Rudi Völler und dann im Tor. 2:2!

Ein ekstatischer Rolf Kramer schickte folgende legendäre Worte über den Äther: „Da fliegt der Pumpido durch die Gegend. Sie schlagen sie da, wo sie unschlagbar galten – in der Luft. Und jetzt stehe ich auf und ich seh‘ sie: Die deutsche Bank, Franz Beckenbauer, die Ersatzspieler und den FIFA-Mann.“ Bis heute weiß ich nicht, wie viel Leute auf mir drauf lagen und woher ich die Kraft nahm, eine Tanne im Garten des Freundes auszureißen, aber als ich zum Tatort Fernseher zurück kehrte, bemerkte ich eine Abseitsfalle, mit der gar nichts stimmte. Ich sah‘ einen zaubernden Maradona, einen hechelnden Briegel, einen sprintenden Burruchaga, einen auf seinen Hosenboden plumpsenden Schumacher und den Ball im falschen Netz. 2:3. Es ging alles so rasend schnell. Warum nur, diese Dramaturgie und dann war alles umsonst. Danach waren alle leer und weinten. In den darauffolgenden Monaten habe ich mir - wenn ich als Nachtgespenst von wilden Feten heim gekehrt bin - Brühwürstschen gemacht, mich nackt auf die elterliche Couch gesetzt, die Video 2000 Cassette eingelegt und mir die 15 Minuten der tapferen Aufholjagd angesehen. Ab und an, habe ich die Stopptaste mißachtet und todesmutig das Band nach Rudis Ausgleich weiter laufen lassen. Aber es ging immer gleich aus. Das Happy End gab es erst vier Jahre später – Italia 90. Auch nicht schlecht. Aber mal ganz ehrlich: wärt ihr nicht lieber in Mexico Weltmeister geworden? In diesem langen, heißen, verdammt schönen Sommer? Ich schon.

 

erschienen in Nimm mich Volley Nr. 6 am 03. März 2002

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Tag(s) : #Dirki bloggt die WM-EM
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