„Björn again“
Erwin Nr. 32, Offenbacher Kickers
Die Macher des Erwin bürgen für Qualität. Die lebendigen Spielberichte, führen dem Leser Bilder der Geschehnisse vor dessen geistiges Auge. Der schönste Spielreport heißt „Weihnachtsmarkt“ und erzählt von der Autogrammstunde der Kickers-Spieler in der Offenbacher Innenstadt. Im dabei ausbrechenden, tumultartigen Chaos war mehr los, als bei so manchem Spitzenspiel der RL West. Klassenziel erreicht. Ob das auch für des Ex-Kulttrainer Neururer gilt, bleibt abzuwarten. In einem Ganzkörper-Gespräch gesteht Peterle: „Ich grätsche auch beim Tipp Kick“. Ein klares Manko des Erwins sind die viel zu ausführlichen Interviews mit den OFC-Helden. Man hätte den Herrn Neururer mal fragen sollen, warum er in jedem Verein versucht seine alten Seilschaften zu installieren, obwohl er weiß, daß er nach 10 Monaten entlassen wird und den Klub mit diesen Outlaws zurückläßt. Da muß man Fortuna im Nachhinein ein Kompliment zollen, daß man nicht auf Neururers Geheiß Dirk Schuster oder „Balou“ Kostner verpflichtet hat. Allerdings hat der passionierte Schnauzbartträger mit dem OFC 18 Punkte in 11 Spielen geholt. Warum ist ihm das bei uns nicht gelungen?
„Kollateralschaden“
Victory Nr. 38, Türkiyemspor
Ich schlage das Heft auf und möchte es am liebsten direkt meiner hungrigen, angeketteten Großmutter zum Fraß vorwerfen. Lachen mich doch von Seite 3 diese ekelerregenden Teletubbies an, die als Türkiyemspor-Vorstand 2000 (witzig!), den Verein „sicher in das Jahr 3000 führen sollen“. Dank ihres deutschen Stürmers, Michael Fuß (22 Jahre, schoß 38 Tore in 20 Spielen), steht der Berliner Verbandsligist Türkiyemspor vor der Rückkehr in die Oberliga. Das ist schön. Gar nicht schön ist, daß in Heft 38 ausführlich über TB Berlin berichtet wird. Die beiden Vereine verbindet ein zart-rosa Band der Freundschaft, da TeBe „der einzige Berliner Club mit anti-rassistischem Anhang ist“ (TeBe ist für mich der einzige Club, ohne jeglichen Anhang). Ist das schon ein Anlaß TeBe zu mögen? Ich meine nein. Es gibt zwar noch dieses wirklich lobenswerte Tennis-Fanzine LiLaLaune, aber auf der anderen Seite fallen mir direkt tausend Argumente ein, Tennis Borussia abgrundtief zu hassen. Und wenn Winnie Schäfer der einzige Grund wäre, würde das auch schon reichen, weil dieser Mensch schlimmen Augen-, Ohren- und Kopfkrebs verursacht. Ansonsten ist es aber interessant Details über Vereine mit einem komplett anderen kulturellen Background zu erfahren. In Zukunft bitte mehr Türkiyem und weniger Tääh-Bääh.
„Süßwasserkaries“
Übersteiger Nr. 44, St. Pauli
Der FC ST. Pauli und Fortuna sind mit Sicherheit Zwillinge, die bei der (Miß-)Geburt getrennt wurden. Der Übersteiger beschäftigt sich ausschließlich mit der dritten (!) Mitgliederversammlung des Jahres 1999. Uns nur allzu vertraute Geißeln des „ärmlichen“ Fußballs tauchen auf: Logistische Offenbarungseide, Formfehler, Millionen-Schulden, frisierte Bilanzen, Warten auf den Vermarkter und das neue Stadion. Die Hamburger machen gerade eine Phase durch, die bei Fortuna bereits 26 Monde zurückliegt. Ihr Präsident „Papa Heinz“ scheint gleichzeitig unbestrittener Förderer, wie völlig debiler und idiotischer Totengräber zu sein. Da sag` noch mal einer was gegen Visionix Helge A. Pauli versinkt im Chaos. Warum sollte es anderen auch besser gehen? An sich sollte man bei allen Skandalnudeln Mitglied werden, nur um sich am Unbill der anderen Vereine aus nächster Nähe laben zu können. Eine vielversprechende Marktlücke: Adventure-Trips für Jahreshauptversammlungskrawalltouristen nach Pauli, Frankfurt, Nürnberg etc. Möge Fortuna in Zukunft von diesem Terror verschont bleiben.
„Enrico Parlazzo“
Kölsch live Nr. 32, 1. FC Köln
Auf die Gefahr hin, daß einige Volley-Abos gekündigt werden, gestehe ich trotzdem, mich bei der Lektüre des „Kölsch live“ amüsiert zu haben. Treue Weggefährten wissen auch, daß irgendwo in meinem Herzen der FC-Geißbock Hennes VI. seinen wohlverdienten Lebensabend verbringt. Köln abzulehnen, nur weil es alle machen, ist für mich provinzielles Verlierertum. Nur wer Rückrat beweist und zu seinen Sympathien steht, zeigt wahre Größe. Zum Heft: Die Gefühlswelt der echten Kölner ist gemischt. Während die Mannschaft begeistert, wird der Anhang auf seinen Reisen ständig verdroschen. An der Heimatfront kämpft man gegen Modefans und für ein reines Fußballstadion. Ebensowenig fehlt ein Lamento über die Herabwürdigung des Fußballs zur Geldbeschaffungsmaschine für Medien, Konzerne und Vereine. Ein dunkles Kapitel. Rechnet mit dem Äußersten und seit gewiß, daß eure schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen werden. Für die Schmunzelecke gibt es einen witzigen WM-Tauglichkeitsvergleich zwischen England und Köln. Wohlwollend liest der Düsseldorfer Fan auch eine vernichtende Bestandsaufnahme über den selbsternannten, aber kläglich gescheiterten, „kölscheren“ Verein, dessen Namen ich hier nicht erwähnen darf, da es nur eine Fortuna gibt. Eins noch: Ich finde die Fußbroichs mittlerweile Super-Kacke. Weg damit!
„Ball der Ölbarone“
B.A.L.L Nr 7, SV Darmstadt 98
Ich habe echt keinen Bock mehr! BALL ist mindestens das 1000te Heft in dem von Repressalien gegen Fans berichtet wird. Vor allem die „normalen“ Fans mit Schal werden von dummdreisten, martialisch gekleideten Polizisten und Ordnungskräften behandelt wie Schleim und Scheiße. Ob Kölner in Offenbach, Darmstädter in Pfullendorf, Fans aller Länder in Stuttgart oder Fortunen in Bochum. Ständig wird man von oben bis unten betatscht, gefilmt, hinter Zäunen eingesperrt, drangsaliert, herumkommandiert. Ich will doch einfach nur zum Fußball gehen, mein Team anfeuern und mich an der guten Stimmung im Stadion erfreuen. Natürlich profitieren die friedlichen Zuschauer von den erhöhten Sicherheitsmaßnahmen, die erhoben werden, um die wirklichen Gewalttäter in Schach zu halten. Aber erstens ist kein Security-Affe in der Lage "Normalos“ von Hooligans zu unterscheiden und zweitens entziehen sich letztere sowieso den Maßnahmen der Polizei, weil sie pfiffiger sind. Im Endeffekt richtet sich dann die staatliche Willkür nur gegen die Friedfertigen, die meist vor den einheimischen Hools nur unzureichend geschützt werden, warum auch immer. So, daß mußte mal gesagt werden. Ich freue mich schon auf die EM!
„Sex-Machine“
Fan geht vor Nr. 83, Eintracht Frankfurt
Endlich ist es soweit. Ich habe mich lange für diesen Moment aufgespart - Wein, Weib und Gesang abgeschworen, gestreckte Drogen gemieden, Körper und Geist getrimmt, ein paar Bilder gemalt, mit kleinen Mädchen in lustigen Blümchenkleidern drauf, die nackt über saftige Wiesen tänzeln. Jetzt habe ich die Kraft den ultimativen, einzigen und endgültigen Fanzine-Oscar zu verleihen. And the winner is.... ein unbekannter Verfasser aus dem Internet für seinen Kommentar zur Situation bei Borussia Dortmund: „Spiele nicht mit dem Feuer“. Abgedruckt im neuen Eintracht-Fanzine. „Was ist das Besondere daran?“, höre ich euch fragen. „Jedes Heft stöhnt doch über die gefährliche Unterwanderung des Fußballsports durch Geld und Medien, die gerne an Vereinen wie Bayer(n), Berlin und eben Dortmund festgemacht wird“. Der Autor, ich nenne ihn einfach mal Vic Dorn, also dieser Vic hat die Rollen von Fans und Spielern vertauscht! Eine geniale Idee. Für die Umsetzung gibt es zwar nur eine 2-, aber dieser grandiose Einfall, sorgt dafür, daß seiner Kritik überhaupt Aufmerksamkeit geschenkt wird, in dem vielstimmigen Chor der Verzweifelten. Vic bedauert, daß „hochbezahlte Fan-Söldner zur Realität auf dem Platz längst jeden Bezug verloren haben“ und klagt: „Früher kamen die Fans mit der U-Bahn, heute parken sie ihren Lamborghini direkt hinter der Fankurve“. Diese Entwicklung führt zwangsläufig dazu, daß „ein faules und gelangweiltes Publikum, seinen Stiefel runtersingt – ihm von Kreativität und Phantasie jede Spur fehlt“. Das Lachen bleibt mir im Halse stecken. Schnell ein Schluck Äppelwoi. Das ging gerade noch mal gut. Jetzt kann ich als Mann Schrägstrich Frau weiterleben.
„Subsektorale Differenzierung“
Notbremse Nr. 17, Hannover 96
Früher, wenn meiner Mutter nach Zerstreuung war, besuchte sie einen Literatur-Zirkel. Es waren gewiß höfliche, nette, ältere Mitbürger anwesend. Gegenseitig las man sich aus dem Medicus, aus Niemand ist eine Insel oder Sklavinnen der Lust vor. Man nannte sich Frau Koch und Herr Gesangsverein, trank eine Tasse Tee, gab sich zum Abschied die Hand und ging friedlich auseinander. Ich hätte mir so gewünscht, daß meine Mutter nur ein einziges Mal aus ihrer Tasche mit den Worten „ich habe heute zur Abwechslung etwas ganz freakiges mitgebracht“, wenn schon nicht den Playboy, dann zumindest die Notbremse gezogen hätte. Nur ein einziges Mal, Mutter.
erschienen in Nimm mich Volley Nr. 3, März 2000