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Ein Leben ohne Angst, ist die Sehnsucht aller Menschen. Gerade für einen echten Fortuna-Fan, ist das eine tollkühne Herausforderung. Ich lebe in ständiger Angst vor der nächsten Niederlage, dem nächsten Abstieg, der nächsten Verpflichtung irrsinniger Spieler und Trainer, die sich für Lichtjahre an den Verein binden, vor dem Zusammensturz des Kartenhauses, das mein Leben ist. Denn mein Leben ist untrennbar mit der Fortuna verknüpft. Wir ergeben eine Symbiose.

Besuch in der Gegenwart

Manchmal besuche ich dennoch die Realität, habe Spaß daran, aber um Himmels Willen, warum sollte ich darin leben? Auf einer meiner letzten Stippvisiten in selbiger erlebte ich beinah unfassbares: Herbst 2008, Einweihungsparty mitten im Spießbürgertum, drei Uhr früh, kein Bier mehr in der Badewanne. Ich saß in einer Ecke und wollte mich in die herrliche neue Parzival-Übersetzung vertiefen, da kamen zwei „Hornochsen“ und begannen über mein Lieblingsthema zu reden: „Das Schlimmste ist, dass Fortuna die Kraft für Visionen verloren hat“, sagte Ochse 1. Beinahe hätte ich mich eingemischt, behielt dann meine Gedanken vorerst für mich: Oh ja, endlich spricht’s mal einer aus. Wie schön war es einst, als der Verein vor Visionen nur so barst. Aber heute? Futschikato. Nur an welchem Tag genau gingen unsere Superkräfte verloren? Meines Erachtens war es am 28. Januar 1992 als aufgrund der Eitelkeiten eines Gärtners und der Hilflosigkeit eines Försters Trainergott Rolf Schafstall entlassen wurde. Es kann aber auch jeder andere x-beliebige Tag in den letzten 20 Jahren gewesen sein. Der schneidige Herr Oberlehrer fuhr fort mit seinen Tiraden: „Früher hatte man Angst davor, dass der Fortuna die besten Spieler weggekauft werden. Heute spürt man diese Angst weder aus sportlichen noch aus menschlichen Gründen. Vielmehr fleht man, dass irgendein saudischer Emporkömmling  daherkommt und – ungetrübt von jeglicher Sachkenntnis - 6 Millionen Petro-Dollar für einen Lumpi Lambertz auf den Tisch des Hauses legt.“

 

Der Mann sah zwar aus, wie ein verhaltensgestörtes Thermometerhuhn, aber er hatte recht. Auch ich wusste tief im Innersten meines Herzens, dass Fortuna nie den Jackpot knacken wird, so wie ich als kleiner Junge bereits wusste, dass ein auffälliges Sexualverhalten unchristlich ist, was mir unlängst vom Papst bestätigt wurde. Das bis dahin stumme B-Öchschen       setzte die Ausführungen des verbitterten Pseudo-Nostalgikers fort: „Mich interessiert Fortuna gar nicht mehr. Ich schau‘ mir nur noch Champions League an. Die Bayern, Chelsea, Hoffenheim und die ganzen anderen Raketen eben. Da kriegst Du noch was geboten. Aber Fortuna in Regensburg? Ohne mich.“ Ich kochte! Der Spießigkeitssiedepunkt war überschritten. Apropos Gebote. Lautet nicht eins: Du sollst Leuten ordentlich eins auf die Nuß geben, die dumm daherquatschen und rausposaunen, dass sie mit Fortuna nichts mehr anfangen können? Ich glaube schon und ergriff das Wort: „Fortuna in Regensburg? Das ist ja wohl ein bedeutenderes Kulturereignis, als wenn einer Lust bekommt in Osnabrück mit seinen Cousins rumzumachen. Fortuna in Regensburg? Mit mir und zwar mit Sicherheit!“ „Nur ruhig, mein Junge. Du wirst auch noch vernünftig werden.“ Das Mutter-Theresahafte-Stasi-Geschwafel dieser Meinungsnutten fand zustimmendes Gelächter der Party People und sie tanzten glücklich mit einer ganzen Clique grüner Ex-Pastorinnen zu irgendwelchen südländischen Scheißlebensfreuderhythmen. Widerlich. Ich floh ins Freie.

Ein Dasein als Außenseiter

Der kalte Oktoberwind blies mir ins Gesicht. Ich dachte nach. War es ein Fehler von mir gewesen, mich dort schutzlos auszuliefern, wo ich doch hart und zynisch hätte bleiben müssen? War es töricht gewesen, mir Fortuna Düsseldorf als Fußballverein auszusuchen, der für vieles entschädigen musste, was die Wirklichkeit mir vorenthielt? War jetzt die Zeit gekommen, demonstrativ einen ultimativen Schlußstrich zu ziehen? Maybe. Aber eine plötzliche Erinnerung an den Spätsommer 1992 lies mich mit der Antwort zögern. Ich war auf einer Vorort-Party bei Fußball-Mainstreamern eingeladen. Die unrühmliche Regentschaft des „Scheintrainers“, Horst Köppel, bei Absteiger und Bundesligaaspirant Fortuna Düsseldorf, hatte gerade nach 2:10 Punkten ihr abruptes Ende gefunden. Unser Gastspiel beim FC Homburg fand an diesem Abend unter Interimscoach Rudi Wojtowicz statt. Ich schwang große Reden von einem nüchternen „Rudi wird die Talfahrt stoppen“, über ein bierseliges „Die hauen wir weg, die Nüsskes“ bis hin zum ejakulativen „Wir steigen wieder auf. Basta!“ Damals musste man, wenn man Resultate erfahren wollte, einen konspirativen Telefon-Ergebnisdienst anrufen, der nur absoluten Insidern bekannt war. Dort liefen die Zweitligaresultate vom Band. Ich saß siegesgewiß inmitten des Raumes, den Hörer fest an mein Ohr gepresst. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Ich lauschte. Die der Fortunaseite des Mondes abgewandte Meute wollte mich zerfleischen. Ich lauschte weiter: „FC Homburg gegen Fortuna Düsseldorf 5:1.“ Ich schwieg, ich war gelähmt, kippte dann um - salzige Flüssigkeit lief aus meinen Augen. Die Meute zerfleischte mich.

Mr. President

Aber auch Fleischwunden verheilten, und ich wußte, wer nur den Massengeschmack teilt, der hat ohnehin sein Recht verwirkt, respektiert zu werden. Zumindest von mir. Was alle gut finden, muss schlecht sein. Schließlich hat die stumpfe Masse der Konsumenten keine Ahnung. Ich weiss, so argumentieren alle Exzentriker, denn die Wahrheit ist eine Droge, die man sich selbst nur in marginalen Dosen injizieren darf. Und deshalb besitzt jeder, der möchte, ein gewisses Kontingent an Lebenslügen. Meines scheint hingegen unerschöpflich zu sein. Meine neueste Lieblingslüge  lautet: „Ich bin mit mir selbst im Reinen und lasse mich nicht von den Urteilen anderer aus der Ruhe bringen.“ Haha, ausgerechnet ich, der bei der kleinsten Kritik beleidigt zum Ehrenmitglied taubstummer Neurotiker mutiert. Früher setzte ich mir zum Ziel, von allen Menschen gehasst zu werden. Das hatte ich erreicht. Heute hasse ich alle Menschen. Aber das ist mir als mein persönlicher Protest gegen die Wohlstandsgesellschaft nicht genug. I want it all! Der Moment ist gekommen, meine Erfahrung, meine Talente und meine Fähigkeiten, worin auch immer sie bestehen mögen, Fortuna Düsseldorf zur Verfügung zu stellen. Ich will eines Tages Euer Präsident sein und Fortuna dem Vorzeigeverein machen. Wer eine große Aufgabe anpackt, und die Wiederauferstehung unseres Vereins, ist etwas Grandioses, der muss wagemutig sein. Dazu bedarf es keines Stolzes und keines Größenwahns. Etwas viel Einfacheres ist gefragt, das vielleicht schwerer als alles andere zu haben ist: Lebensfreude, Schönheitssinn und ein verträgliches Maß an Liebe zu sich selbst. Schon lange habe ich der Utopie angehangen, dass Fortuna zur deutschen Fußball-Elite gehören MUSS. Eine Fiktion, die den Test der Geschichte bislang nicht bestanden hat. Nun versuche ich nachzuweisen, dass ich Recht hatte und die Geschichte sich geirrt hat.

Ich bin in der Form meines Lebens

Ich kam zu Hause an und war bereit für Antworten, auch wenn ich sie mir selber geben mußte. Ja, ich hatte alles richtig gemacht. An jeder Kreuzung meines Lebens. Seit einem Vierteljahrhundert. Das Herz muss auch mal über den Verstand siegen dürfen. Was wäre denn auch die Alternative zu sich-rund-um die-Uhr-mit-Fortuna-beschäftigen? Arbeiten? Heilfasten in indischen Leprakolonien? Tontauben züchten oder totaler Müßiggang? Den ganzen Tag nichts zu tun, würde mir zwar unendliche Gelegenheiten bieten, zu träumen und zu planen und immer wieder neue Rollen für mich zu erfinden. Doch dann würde ich vermutlich bald als Hochstapler entlarvt und im Polizeigriff abgeführt werden. Ich müsste mir Sorgen machen, dass damit alles verschwinden und ich mit diesem riesengroßen Loch zurückbleiben würde, dass der Fußball immer ausgefüllt hat. Es wird also weitergehen. Fortuna wird immer als Entschuldigung dafür dienen, niemals an Wochenenden ausgehen zu können und keinen Job anzunehmen, der sich nicht mit dem Spielplan vereinbaren lässt. Zum Glück.

 

                                               

 

Visionitis

Also Schluß mit der Zweifelei. Ich bin davon überzeugt, mein Leben leben zu können, ohne mich ins Unglück zu stürzen. Im Gegensatz zu Fortuna, habe ich mir meine visionären Kräfte erhalten. Und eine Vision sagt mir, dass in wenigen Jahren die Sonne hell über dem Olymp der Fußballwelt strahlen wird, und dieses Epizentrum ist unsere schicke ESPRIT arena, in dem eine Mannschaft die Geschichtsbücher des Fußballsports neu schreiben wird. Mit Spielern, die schnell wie der Wind sind. Glückliche Fans werden Tränen der Freude in den Augen haben. Gerührte Kinder, Erwachsene und Hornochsen werden sagen: „Wisst ihr noch damals unter Uwe Weidemann? Da waren wir total abgewrackt und heute sind wir dank des Dreigestirns Meier, Werner und Frymuth glücklichere Menschen geworden. Wir haben sogar unsere Frauen wieder lieb!“ Manchmal wünschte ich, die Welt könnte neu beginnen.

 

erschienen in Nimm mich Volley Nr. 2, November 1999

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Tag(s) : #Mein Leben als Fortuna-Fan
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