Fortunen in der Muppet-Show...
Der 25. Oktober war ein ungemütlicher Samstag im bleiernen Herbst des Jahres 1980. Auf die Fortuna wartete das Kellerduell bei den Münchener Löwen. Für den Jahrhundertmaler Pablo Picasso wäre es das 99.te Wiegenfeste gewesen. Ein Tag also für große Kunst? Abwarten! Für mich als elfjährigen Knaben aus dem Düsseldorfer Norden hieß es zunächst einmal: „Sport und Musik – Tore, Punkte, Meisterschaft“ auf WDR2 einschalten. Die Aussichten auf packende Livereportagen aus dem verregneten Olympiastadion waren aber bescheiden, denn die Musik spielte damals bei den Heimauftritten der großen Westrivalen. Nur sporadisch ermunterte WDR-Sportchef Kurt Brumme den Mann vom Bayerischen Rundfunk, Edgar Endres, zur Liveschalte aus München. Ansonsten blieben die 12.000 Augenzeugen, die Kicker und Schiedsrichter Medardus Lucas, seines Zeichens Verlademeister aus dem lieblichen Völklingen, unter sich. Bedauerlich, denn die nun folgenden, spektakulären 90 Minuten, waren mehr als nur eine x-beliebige Partie zwischen dem Tabellenzwölften Fortuna und den drei Plätze schlechter platzierten „Blauen“. Sie waren in gewisser Hinsicht (fast) einzigartig!
Es begann durchaus ansprechend für den leicht favorisierten, von Trainer Otto Rehhagel gecoachten, amtierenden Pokalsieger vom Rhein. Bereits nach sieben Minuten musste 60-Keeper Thomas Zander das erste Mal hinter sich greifen. Fortunas Starverteidiger Amand Theis, ansonsten der Mann für’s ganz Grobe in der ansonsten eleganten Düsseldorfer Hintermannschaft, hatte aus vier Metern unprätentiös eingegrätscht und das zum Glück - ausnahmsweise mal - ins gegnerische Tor! Ohnehin galten die 60er schon vor der Partie als Opfer der eigenen Nerven, als hilfloses Schlachtvieh. Massenmedien und Trainer Carl-Heinz Rühl hatten dem Team eingebläut, dass dem Spiel vorentscheidende Bedeutung im Bundesliga-Abstiegskampf beikäme. Das hatte einiges angerichtet. Der frühe Rückstand tat ein Übriges um die Platzherren ganz und gar aus dem Konzept zu bringen, falls sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch eines gehabt haben sollten. Die Münchener wurden von turmhoch überlegenen Düsseldorfern anfängerhaft auseinander dividiert und die 12.000 Zuschauer sahen es mit Entsetzen. Als dann EM80-Torschützenkönig Klaus Allofs für die Gäste zum Doppelschlag ausholte (16. und 32. Minute), schien das Schicksal der Löwen besiegelt.
3:0 zur Pause aus Sicht von Zewe, Seel & Co. – was sollte da noch schief gehen? Was bei Fortuna alles immer und zu jedem Zeitpunkt NOCH schief gehen kann, hat man im Laufe der Jahrzehnte zwar schmerzvoll gelernt, aber damals wusste ich in meiner grenzenlosen Naivität noch nichts von den bösen Mächten des Fußballs, die ewiges Glück vorgaukeln nur um im nächsten Moment einem unversehens das Messer mitten in die Fanseele zu bohren.
Mich in absoluter Sicherheit wähnend, beschloss ich das Radio leiser zu drehen und meine heiß geliebte Muppet-Show einzuschalten. Zwar mit ganz leichten Gewissensbissen, dafür mit ganz viel Chips, Kokos-Schoki und überbackenen Käsebroten. Die damals schwer angesagte Puppenshow wurde samstags gegen 16 Uhr 30 im ZDF ausgestrahlt. Zunächst versuchte ich beiden Programmen parallel zu folgen. Der blutjunge Löwenangreifer, Rudi Völler, nahm mir dann allerdings die Entscheidung fürs „fernsehen“ ab. Nach seinem 1:3-Anschlußtreffer - unmittelbar nach Wiederanpfiff - überkam mich ein erster Anflug von Nervosität, den ich dadurch kontern wollte, indem ich Kermit, Piggy & Co. vorübergehend meine ungeteilte Aufmerksamkeit widmete.
Stargast im Muppet-Theater war der hierzulande damals wie heute zurecht völlig unbekannte dänische Piano-Comedian Victor Borge (laut bescheidener Selbsteinschätzung: „Master of Comedy and Culture“ – aha!?), der mit Muppet-Hund Rolf für Schabernack am Klavier sorgte, während es sich in bayerischen Gefilden für Fortuna bedrohlich zusammenbraute und der Löwe Horst Wohlers in der 56.ten Minute das 2:3 aus überhaupt nicht mehr heiterem Münchener Abendhimmel heraus zucken ließ.
Frosch Kermit schrie im selben Moment nahezu prophetisch: „Seid nicht verzweifelt, in einer halben Stunde ist alles vorbei!“ Aber 30 Minuten können im Fußball verdammt lang sein, insbesondere wenn sich eine Abwehr samt Torwart entschließt für genau diese Zeitspanne vogelwild und tölpelhaft umherzuirren. Bislang war meine Karriere als Fortunafan wie am Schnürchen verlaufen. Pokalsiege, Europacup-Triumphe und Spitzenplätze pflasterten ihren Weg. Doch 600 Kilometer weiter südlich wurden erste zarte Signale ausgesendet, die mich zu Besinnung und Umkehr bewegen wollten. Ich ignorierte sie! Möglicherweise ein fataler Fehler?
Nachdem ich die Revuenummer überstanden hatte, in der das komplette Schweine-im-Weltall-Ensemble zusammen mit Stuntman Gonzo und seinen Hühnern die Village People gab (Macho Man), fühlte ich mich stark genug um das Radio erneut aufzudrehen, zwar zunächst nur ganz leise, aber das reichte schon um die Verkündung vom 3:3-Ausgleich durch den immer noch blutjungen Rudi Völler mitzubekommen und ich spürte sofort: So fühlt sich die Vorhölle an – mindestens. Trotzige und zornige Gedanken zuckten durch meinen Schädel: Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Noch waren über zwanzig Zeigerumdrehungen zu spielen. Genug Zeit also für die Allofs-Brüder um meine daheim vor dem Äther zitternde, unschuldige Seele zu retten.
Als wäre nichts passiert hauten Vic Borge und Anstandswau-wau Rolf völlig unbeeindruckt in die Tasten, während die singenden Ratten (Kermit: „back by popular demand“) Bill Haleys Rock around the clock trällerten. Anschließend sang Gonzo seinem Spiegelbild entgegen: “All you got to do is act naturally!” Zwischendurch verselbständigte sich jedoch das Bild, pfeifte auf jegliche Synchronität und Gonzo maulte ganz im Rehhagelschen Sinn: "You are just a reflection. You are supposed to do what I do!" Tat es aber einfach nicht mehr. Kollektive Hilflosigkeit legte sich über mein kleines Universum.
Die Übergänge zwischen Muppet-Show und Fortuna, zwischen Theater und Wirklichkeit, sind nun fließend. Man kann das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden. Der inzwischen seicht dahin dämmernde Pianist Borge wird von Fozzy geweckt und erschrickt mit einem "Is it all over?" Ist es nicht, denn kurz vor Schluss übt sich Fortunas Abwehrtorso erneut im asynchronen „method acting“ und der mutterseelenallein vorm Tor auftauchende Rudi Völler trifft mit einem raffinierten Heber über den mittlerweile völlig indisponierten Fortunen-Keeper, Jörg Daniel, hinweg zum 4:3 Siegtreffer. Aus den Lautsprechern und 12.000 heiseren Löwenkehlen knarzt lautstark der alte Bob-Dylan-Klassiker „It‘s all over now, Baby Blue!“ Aus der Traum: Nur noch Leere, Stille und Tränen!
Drüben im Muppet-Theater heißt es wie immer nach einer aufregenden Show: "Say thank you to a very special guest!" Das wird sich die verzückte Münchener Fangemeinde nach diesem absurden Abend auch gedacht haben...
Am Ende der Saison 1980/81 verpassten die Süddeutschen jedoch tragischweise als Sechzehnter den Klassenerhalt während sich die Düsseldorfer Verlierer des Abstiegsduells vom 25. Oktober mit einem satten Polster von drei Zählern auf Platz 13 mit Ach und Krach ins Ziel retteten. Rudi Völler ging den steinigen Weg in die zweite Liga mit und wurde dort mit sagenhaften 37 Treffen Kanonier des Jahres 1982.
Man könnte vermuten, dass solch ein atemberaubender Spielverlauf von 3:0 auf 3:4 in der Bundesligahistorie einzigartig sei. Aber weit gefehlt, denn am 31.05.1991 gelang dem VFL Bochum dasselbe Kunststück wie 11 Jahre zuvor dem TSV 1860 München. Und der Gegner der Westfalen hieß – wie konnte es auch anders sein: Fortuna Düsseldorf! Unschwer vorzustellen wie Coach Rolf Schafstall beim Verlassen des Stadions seine Bochumer Mannen aufgefordert haben dürfte: "Say thank you to a very special guest!“