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Irgendwann im Sommer 1999 klingelte das Telefon und eine jungenhafte, neugierige Stimme meldete sich: „Hallo, hier ist Henrik aus Hannover. Ich möchte nächste Woche bei Dir vorbeikommen!“ Wer um Himmels Willen war dieser Henrik? Ich hatte zwar schon die Namen etlicher Bekanntschaften vergessen, sobald sie sich umgedreht hatten, aber nordische Jünglinge kannte ich garantiert nicht? Mir schwante Böses und  ich ergriff das Wort: „Henrik? Woher kennen wir uns nochmal?“ „Wir kennen uns noch nicht, aber ich habe im match live von dem neuen Fanzine Volley gelesen und da ich die Fortuna sehr verehre, möchte ich Euch besuchen. Darf ich?“ Hannover, Niedersachsen und Fortuna? Diese Kombination passte nicht so recht zusammen und war wohl seltener als pakistanische Eiskunstläufer. Deshalb hakte ich nach: „Wer sind Deine Lieblingsspieler?“ „Guido Jörres und Marc Beckers!“ Ich war platt. Wessen Idol Marc Beckers ist, der hat zwar normalerweise einen Lebensberechtigungsschein nahe des Verfallsdatums, aber immerhin schien er bereit zu sein Schmerz und Pein zu empfangen. Obendrein erzählte er von Liebe, Sensationen und Begierde in rot und weiß. Da das genau die Dinge waren, die ich hören wollte, lud ich ihn zu mir nach Hause ein, ungeachtet der Gefahr, daß es sich um einen verschrobenen Sex-Gangster oder gedungenen Heide-Mörder handeln könnte.

Europacup, Geisterbahn und Gänsehaut

Der Tag seines Besuches war gekommen. Henrik erwies sich als groß, blond und fröhlich, ein Hauch von Sven Demandt umschmeichelte ihn. Wir plauschten ein wenig über weltbewegende Fußballprobleme, kamen dann aber schnell zum Wesentlichen und stiegen hinab in die Schatzkammer der Erinnerungen. Er hing an meinen Lippen als ich das ebenso beliebte wie gefürchtete Liedchen „Verklären der Vergangenheit“ anstimmte und von Europapokalnächten, Siegen in München und Egon Köhnen schwärmte. Die Gnade der frühen Geburt. Da Henrik aber lediglich auf 21 Spielzeiten des Lebens zurückblicken kann, erwachte seine Liebe verständlicherweise erst in der Saison 94/95. Er war Zeuge des unvergessenen 3:0 Sieges in Hannover, mit einem grandiosen Georg Koch, von dem Henrik fortan fasziniert war. Der 34. Spieltag brachte den endgültigen Liebesschwur als Fortuna mit dem Gruselkabinett Glavas, Winkhold, Minkwitz und Co. unnachahmlich 2:0 in Chemnitz gewann, aufstieg und somit das Bundesliga-Comeback des SVW Mannheim verhinderte, der zeitgleich in Hannover nur 2:2 spielte. Während des Spiels hallten Fortuna-Sprechchöre durchs Niedersachsenstadion, weil die 96-Fans den mit den verhaßten Braunschweigern befreundeten Waldhöfern den Aufstieg mißgönnten und dem rheinischen Kultverein Dank und Respekt zollten. Henriks Gänsehaut färbte sich damals rot-weiß. Im Geiste war er seit diesem Tage immer bei der Fortuna. Durch den erneuten Abstieg 1999 hat sich das als „Jetzt-erst-recht-Reaktion“ intensiviert. Ziemlich schnell und ohne konkrete Vorbilder hat er die für einen Fortuna-Fan typischen Insignien des Outcasts angenommen. Er scheute nicht eine Sekunde davor zurück in die uns auferlegte Außenseiterrolle zu schlüpfen. Leidenschaftlich zeigt er seitdem seinen Überschwang nach außen. Da er handwerklich absolut unbegabt ist, hat sein Vater für ihn unter seinem Fenster einen Fahnenhalter angebracht, so daß Henrik die Straßen seiner Heimat an Spieltagen ordnungsgemäß beflaggen kann. Bei jedem Klassiker gegen Verl, Salmrohr oder Ahlen weht die Fortuna-Fahne im norddeutschen Wind und Henrik zwängt sich in ein kleines Kinder-Trikot. Mißfallensbekundungen von Freunden und Nachbarn blieben natürlich nicht aus, perlen aber nicht nur an ihm ab, sondern werden von ihm mit gleicher Münze heimgezahlt. Er fühlt sich beleidigt durch anwesende Kölner, Gladbacher und Paulianer: „Sehet her! Ich bin umgeben von Ungläubigen“ ruft er und fordert „treibt sie vor die Stadt!“

Von Düsseldorf über Wuppertal nach Neu-Guinea

Henrik gesteht, daß F95-Devotionalien seinen Alltag fest im Griff haben: „Ohne Fortuna-Krawattennadel läuft bei mir nix, meine Fortuna-Socken verleihen mir Selbstbewußtsein sondergleichen und mein dezentes F95-Portemonnaie hält immer einen Notgroschen für mich bereit.“ Lästerliche Kollegen und Kunden bringt der Sparkassenlehrling zum Schweigen mit der Drohung deren Konten für Fortuna-interne Zwecke anzuzapfen. Seitdem Henriks Ausbildungsleiter seinen zum rot-weißen Schrein ausstaffierten Wagen entdeckte, sich als Gleichgesinnter outete und sie sich daraufhin zitternd und beinah atemlos in den Armen lagen, sieht er durch diesen Schulterschluß seine Zukunft als Junior-Chef gesichert. Niemand sollte sich wundern, wenn in einigen Jahren, die Stadt-Sparkasse Hannover im überschaubaren Sponsorenpool der Fortuna auftaucht. Ich war froh, solch einen unverdorbenen Enthusiasten getroffen zu haben, aber die Zeit zum Aufbruch war gekommen. Tranceartig verabschiedete er sich und versprach auf seiner Heimreise einen Zwischenstopp beim Pokalspiel in Wuppertal einzulegen. Ich wollte seinen Elan und seine Lebensfreude nicht bremsen, bat ihn aber schon mal „nicht zuviel zu erwarten“. Er fuhr trotzdem und meldete sich ein paar Tage nach der 0:1-Niederlage am Zoo: „Ich kann nicht mehr atmen. Ich bin völlig schockiert. Schlimm ist gar kein Ausdruck“. Fortuna-informationstechnisch sieht Henrik keinen Unterschied zwischen seiner Heimat und Neu-Guinea. Depressiv macht ihn der verspätete Ergebnisdienst des Videotextes. Das Internet ist für ihn so unergründlich wie die weibliche Seele. Deshalb hat er mit Hilfe von alten Stasi-Freunden die Telefonnummer des Rheinstadions herausbekommen (die Redaktion war sich bisher sicher, daß das RS von derlei moderner Technik verschont geblieben ist). Wenn absolute Not am Mann ist, ruft er an, um sich minütlich nach den Zwischenständen zu erkundigen.

Von Göttern, dunklen und hellen Tagen

Manchmal scheint Henrik die Fortuna zu durchschauen, dann wieder nicht. Im dunklen 99er Herbst der Unentschieden schrieb er: „Ganz langsam scheint es ja zumindest punkt- und tabellentechnisch aufwärts zu gehen. Dennoch bin ich über das 1:1 beim Letzten ziemlich geschockt. Ich hatte eigentlich schon den Anspruch, in Salmrohr zu gewinnen, zumal ein Sieg in Idar-Oberstein weiteren Anschluß nach oben bringen würde. Aber Fortuna zeigt, daß sie eine Zicke ist und genau das Gegenteil von dem macht, was man von ihr erwartet und erhofft. Lieber Gott, wirf einen Torjäger vom Himmel.“ Gott gehorchte und ließ Wolfram Klein hinunterfallen. Henrik ist das alles nicht genug. Er bekennt: „Ich lechze nach mehr Fortuna. Die alten COME-BACK-Ausgaben sind große Klasse und die Volleys kann ich teilweise schon auswendig.“ Deshalb kommt er immer wieder in die Stadt, die er auch wegen ihrer Schönheit, dem Alt und den betörenden Frauen schätzt. Seine letzte Stippvisite in Düsseldorf führte ihn zum Schlager gegen Rot-Weiß Essen. Von dem 3:0 schwärmt er noch heute: „Sonne über Düsseldorf, Fortuna klatscht Essen ab und schießt dabei sogar drei Tore. Ein Tag für die Ewigkeit.“ Aber Henrik mußte auch Tribut zollen. Seine Kredit-Klausur mißlang, weil er dabei „gedanklich noch im RWE-Strafraum war und nachzuvollziehen versuchte, wie es jemand schafft, sich so konsequent dem Ball und dem Spiel zu verweigern, wie Wolfram Klein.“ Seinen nächsten Besuch hat Henrik für Mai avisiert und wie immer ein Rahmenprogramm ausgearbeitet: „Dieses Mal werde ich endlich die heiligen Stätten des Flinger Broichs erkunden, einigen Schauspielerinnen aus dem ARD-Klassiker „Verbotene Liebe“ meine Aufwartung machen und natürlich dabei sein, wenn Fortuna im letzten Heimspiel gegen Idar-Oberstein doch noch Platz 2 ergattert.“ Manchmal wird mir angst und bange, wenn ich sehe, wie sehr Henrik Tiedge zum Fortuna-Fan mutiert. Es ist gerade nicht eine der lohnenswertesten Phasen im Fortuna-Universum, um einen jungen Mann zu entwurzeln, seinen Freunden und der Heimat zu entfremden für einen mäßigen Regionalligisten, ohne Zuschauer und lediglich mittelfristigen Perspektiven. Aber er ist klug. Er wird wissen was er tut. Viel Glück dabei, Henrik!

erschienen in Nimm mich Volley Nr. 4, August 2000

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Tag(s) : #Mein Leben als Fortuna-Fan
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