„Der blaue Planet“
B.A.L.L. Nr. 6, SV Darmstadt 98
Tanzt unsere Welt mit sich selbst schon im Fieber? Gut möglich. Jedenfalls herrschte Aufstiegsfieber in Darmstadt bei geschätzten 98 Grad. Das Heft berichtet vom spannenden Endspurt der Lilien zur Meisterschaft in der Saison 98/99 der Oberliga Hessen. Dabei erzählen Insider von den Repressalien, denen die Blauen seitens der Polizei, des Verbandes und der Familie Drombusch ausgesetzt waren. Am Ende haben sie es dennoch geschafft und jeder Dorfverein sendet aus Dankbarkeit Stoßgebete gen Himmel, daß man es nicht mehr mit dem „Gesocks“ aus der Heinerstadt (?) zu tun hat. Ich behaupte ganz unbescheiden, daß ich vieles weiß. Manche würden sogar sagen, daß ich sehr viel weiß. Worauf ich aber auch nach der Lektüre des B.A.L.L.s keine Antwort geben kann, ist, warum in drei Teufels Namen die Lilienfans sich selbst Heinerstädter nennen? Offenbachsichtlich muß ein gewisser Heiner ein großer Sohn Darmstadts gewesen sein. Aber wer? Etwa Heiner Kaisers Lauternbach oder Baltes? Heiner Darmstadts? Heinrich Heiner? Barny Geröll Heiner? Liegt unser Glück nur im Spiel der Neutronen? Heine(r) Ahnung.
„Tennisplatznix“
Homer Nr. 13, SV Lippstadt
Neulich überraschte mich meine Partnerin mit einer präzisen Antwort auf meine Frage nach der Lage Lippstadts. So mancher andere (weibliche) kosmische Kompaß würde bei dieser Frage vermutlich unwissend erröten. Denn unlängst bin ich auf eine schillernde Bandbreite geographischer Amokläufe gestoßen: Bei der Show Hausfieber mußte man wissen, in welchen Ländern Spanisch gesprochen wird. Die Kandidatin verblüffte mit einem spontanen Südamerika, steigerte sich auf Portugal, leistete sich einen absurden Kanada-Fehltritt und übertraf sich selbst mit Lima. Bei einer anderen Show glänzte eine Teilnehmerin durch prähistorische Kenntnisse. Frage: Welches einzige asiatische Land fängt mit dem Buchstaben G an? Ohne zu überlegen erwiderte sie beherzt: China. Schweigen. Dann: Leider nein. Eine weitere Frage aus dieser Rubrik (Welches asiatische Land wird als einziges vom Äquator durchschnitten?) beantwortete sie mit einem seelenverwandten Afrika. Als Steigerung noch die wahre Begebenheit eines Trivial-Pursuit-Abends. Eine gebürtige Düsseldorferin wurde nach der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens gefragt! Sie zögerte kurz, stieß aber dann ein genauso überraschendes wie selbstbewußtes Bonn hervor. Irritiert durch prustendes Gelächter, versuchte sie mit einem obskuren Spagat die Situation zu retten, aber das Unheil nahm bereits seinen Lauf. Ihr „Moment, da war noch irgendwas mit Hessen“, als Korrekturvorschlag, wird weltweit in die Analen des Ratespiels eingehen. Vielleicht dachte meine Freundin in Wahrheit, ich hätte mich nach der Lage des Lipp(en)stifts erkundigt. Und ihre Antwort, die ich voller Respekt als Ostwestfalen interpretierte, war in Wirklichkeit ein genuscheltes „bingradamauftragen“. Weshalb fragt sie mich eigentlich nie, was ich mit ihrem Lippenstift will?
„Metzgerei Schnitzel“
Schalke Unser Nr. 23
Höret und staunet. Das Schalke Unser hat eine Auflage von 8.000 Heften. Wahrscheinlich liegen dem Heft irgendwelche bewußtseinshemmende Drogen bei, denn der FC Schalke ist unter Stevens zu einem echten Langeweiler verkommen. Deshalb beschäftigt sich auch nichts in der Ausgabe mit der aktuellen Mannschaft. Vielmehr schmeichelt man den Meistern und Skandalen von einst. Bei Schalke denke ich immer zurück an einen Frühlingsabend im Parkstadion anno 1987 als Fortuna gegen Spielende auf die Verliererstraße geriet, was mir aber völlig schnuppe war, weil ich mir bis zur Halskrause in die Hose gemacht hatte. Durch unseren Fanblock flogen Flaschen, Köpfe und Steine. Auf einem Hügel waren in der Dämmerung schemenhaft wilde Tiere mit Knüppeln zu erkennen und von hinten drang die Frage an mein Ohr: „Wo sind die Düsseldorfer Schweine?“ Da ich kein Schwein war, sondern ein Hasenfuß, antwortete ich nicht. Das erwies sich damals als absolut richtig. Heute widmet das Schalke Unser eine Story dem Hooligan-Prozeß um den Mordversuch an Daniel Nivel. Titel: „Die Vierte Halbzeit“ Ein nüchtern-sachlicher, entmutigender Bericht, der die Widrigkeiten darstellt, mit denen Richter, Staatsanwalt und die Familie Nivel konfrontiert werden. Recht wird gesprochen werden, aber auch Gerechtigkeit? Wohl kaum. Daniel Nivel wird Zeit seines Lebens ein schwerbehinderter Mensch bleiben und ich werde immer traurig sein, wenn ich diesen sympathischen Mann und seine stolze Frau sehe.
„Strickleiternervensystem“
Der tödliche Paß Nr. 17
Ein absolut sexy Heft. Kaum Bilder, dafür umso mehr Text. Nicht gerade eine leichte Bettlektüre sondern schwerverdauliche Kost für den eher intellektuell angehauchten Leser. Während ich mich durch die tagebuchartig-gestaltete Kritik am aktuellen Fußballgeschehen arbeite, seufze ich immer wieder leise auf und denke an damals, als Wasser und Luft noch sauber und klar waren, man in der örtlichen Bank die Koteletten der RAF-Fahndungsfotos studieren konnte, man sich noch aus Spaß als Junge die Fingernägel lackieren konnte, ohne dafür in irgendwelche Klischee-Schubladen gesteckt zu werden, als Twix noch Raider, ein Wichser noch Haider und unbeschwerter Zungenbillard mit den Nachbarstöchtern gang und gäbe war. Burkhard Driest durfte noch ungestört alle Frauen lieben und voll wie der Baldeneysee sein. Männlich halt. Und zu dieser Zeit, bevor der böse Osten kam, war Fortuna ein etablierter Bundesligist. Genug geträumt. Aufwachen. Heute ist heute und es gibt fußballmäßig nicht meht viel zu lachen. Deswegen memorisiere ich mir zur Aufheiterung einen Tatort-Dialog aus der Frittenbude. Schimanski zu Thanner: „Hast Du noch ein paar Pommes für mich?“ „Nein. Du hast die gleiche Menge wie ich gehabt. Für zwei Mark.“ „Ich eß` aber nun mal schneller als Du. Ich war ja auch ein Heimkind. Komm, gib` mir noch ein paar Pommes.“ „Nein. Du mußt lernen, mit dem auszukommen, was Du hast.“ „Oh Mann, den Spruch kenn´ ich. Den hat man mir schon als Kind eingebleut. Was soll ich denn machen, wenn ich Hunger hab`?“ Thanner schließlich entnervt: „Hier bitte. Nimm sie alle!“
„Nougat-Suffragette“
Schwarze Sau Nr. 5, Sachsen Leipzig
Unfaßbare neun Seiten dienen als Forum für Hooligans. Hauptsächlich wird über die gemeinen Schläger vom VFB Leipzig und über die von Selbstzweifeln gepeinigte Sachsen-Hoolszene gejammert. Das große Potential der gewaltbereiten Chemiefans wird als „angenehme Mischung“ beschrieben. Sowas kannte ich bis jetzt nur vom Kaffee und ich hasse Kaffee. Man attestiert ihnen Toleranz, Modernität und Humor! Vielleicht ist ja wirklich irgendetwas dran. Schwer vorstellbar aber, daß ein von einem Chemiker zusammengeschlagener Fan eines anderen Vereins aufsteht, sich das Blut abwischt, einen Hofknicks macht und sagt: „Das war aber witzig. Vielen Dank.“ Wenn man sich unbedingt der Lächerlichkeit preisgeben möchte, kann man dies mit ganz anderen Dingen tun. Man kann tanzen, einer geregelten Arbeit nachgehen, Jazz- oder Blueslieder hören, männliche Synchronschwimmerin werden, Gretchen Fragen stellen, sich Theorien über das Liebesleben der indonesischen Federballspielerin Susi Susanti zurechtlegen oder so wie ich, Samstags morgens um 8 Uhr, nur in Unterhose, die Wohnungstür öffnen, um in Erwartung eines leeren Hausflures und einer Zeitung, mit Untermalung durch eine aus dem Tierreich entliehene Imponiergeste: „Komm doch her!“ zu brüllen. Dabei in entsetztes Gesicht und offenen Mund des Nachbarn starren und kleinlaut und ziemlich wortlos die Tür wieder verschließen, um drinnen bewußtlos vor Scham zusammenzusacken.