Mein Kardinalproblem ist, dass ich mich zu sehr für Fussball interessiere. Die lähmende Angst vor einem deutschen WM-Vorrundenaus 2010 bereitet mir jetzt schon schlaflosere Nächte als es der Nordirland-Konflikt jemals getan hat. Gar nicht auszudenken, welche Welt für mich zusammenbrechen würde, sollte sich Deutschland zu meinen Lebzeiten mal nicht für eine WM qualifizieren können. Zudem leide ich unter dem Niedergang ostdeutscher Fussballdynastien, beweine die ins zehnte Jahr gehende Drittklassigkeit meiner Fortuna aus Düsseldorf und beklage unser totales Versagen in den EC-Wettbewerben. Nationale Vertreter waren in den Finalspielen zuletzt so häufig anzutreffen wie Mozartpinguine in der Bronx. Nur dem allmächtigen FCB gelang zumindest die Teilnahme am UEFA-Cup-Halbfinale. Aber gerade das gleichermaßen berechtigte wie deutliche Ausscheiden der Bajuwaren (4-0-Klatsche bei Zenith Petersburg) könnte fatalerweise den Weg zur totalen Bayernisierung gebahnt haben. Der Branchenführer von der Isar fühlt sich absurderweise veranlasst, die Umkehrung des Solidaritätsprinzips zu fordern. Nicht mehr die lokalen Größen helfen den Kleinen, sondern die Kleinen werden geopfert, damit der Rekordmeister zu den Weltmarken aus Mailand und Madrid aufschließen kann. Der von Pitbull Rummenigge aufgestellte Gruselkatalog kreist um die Forderung nach mehr Fernsehgeldern. Und die Meinungsmacher der Liga stimmen in den Chor der Großkopferten ein. Denn, so heißt es unisono: „Letztendlich profitieren doch alle davon“. Aber auch Mehrheiten können irren. Schüchterne Einwände von Bochum und Co. wandern in die Altpapierschredder der DFL. Zusätzliches Geld (von Premiere) bedeutet aber zwangsläufig das Ende der zeitnahen Berichterstattung im Free-TV und eine Zerfledderung des Spieltages, forciert durch die lächerliche Aussicht auf „bessere Vermarktungschancen in Asien“. Folgen könnten Rufe nach mehr Planungssicherheit in Form eines „closed shops“, also einer Abschaffung von Ab- und Aufstieg (die eingeführten Relegationsspiele sind nur ein erster Schritt in diese Richtung). Können das Manager, Sponsoren und Fans wirklich wollen? Letztere sicher nicht, aber auf die hört sowieso keiner. Das Großartige am Fussball ist doch, dass die Erkenntnis „Geld schießt keine Tore“ noch nicht nachhaltig widerlegt werden konnte. Das dies bald geschieht, ist die größte Gefahr! Warum sollten reichere Bayern international erfolgreicher sein? Die wahren Gründe für den Misserfolg auf europäischem Parkett liegen ganz woanders: Zum einen sind durch die Internationalisierung der Kader die gerade in K.O.-Spielen elementaren deutschen Tugenden verloren gegangen. Zum anderen existiert hierzulande eine unheilvolle Allianz aus zu kleinlichen Schiedsrichtern und einer Balltreterzunft, die jede Laienschauspielerschar vor Neid erblassen lässt. Die Seuche der grassierenden Fallsucht hemmt jeden Spielfluß und beraubt die Spieler der Fähigkeit, Zweikämpfe bestehen zu können. In Petersburg wurde mit einer Mischung aus Empörung und Mitleid zur Kenntnis genommen, dass ein Ze Roberto über’s Feld tänzelte und sich bei jedem Luftzug auf’s satte Grün warf. Das Ergebnis ist bekannt. Chancengleichheit mit Topklubs wird es erst wieder geben, wenn wir auf Jammerei und Täuschungsversuche verzichten und stattdessen auf die Jugend, Fair Play, Kampfbereitschaft und Förderung der Spielkunst setzen. Und es ist an der Zeit, die Totalvermarktungsmaschinerie endlich abzubremsen. Das wären wirklich schöne Aussichten.
erschienen in 11 Freunde Nr. x, Sommer 2005