Die Situation
Nach fünfjähriger Talfahrt scheinen Fortunas selbstzerstörerische Tendenzen vorerst gestoppt worden zu sein. Selbstbewußte und spielerisch beeindruckende Vorstellungen machen Appetit auf neue Ziele. Kann man schon wieder mehr verlangen? Selbst Mao wußte, daß „eine Reise von 1000 Meilen mit einem einzigen Schritt beginnt“. Man darf nicht vergessen, daß nach dem völlig mißlungenen Auftakt gegen Chemnitz und Wattenscheid viele selbsternannte Experten befürchteten, daß Fortuna bis zuletzt gegen den bitteren Untergang ankämpfen müsse und kaum Chancen besitzen würde, diesen K(r)ampf erfolgreich zu bestehen.
Das Blatt hat sich gewendet, ein zweites Lizenzwunder wird diesmal nicht benötigt. War also doch ein Hauch Spiritualität Grund für den zwischenzeitlichen Höhenflug der Düsseldorfer? Nein. Es ist vielmehr die Geduld die Vorstand und Trainer bewiesen haben. Fortunas einziger Vorteil vor der Saison, so schien es, war das Ausbleiben des üblichen Komplettaustausches des Kaders. Mit Hopp und Mayer heuerten lediglich zwei Neuzugänge in Flingern an. Richtig weh taten nur die Abgänge von Poutilo, Miletic und Radschuweit.
Die Ideen- und Mutlosigkeit der ersten Partien ließen das Allerschlimmste befürchten. Und noch ein Wunder geschah: Es blieb verhältnismäßig ruhig im Umfeld, die Trainer arbeiteten weiter an Stärken und Schwächen der Mannschaft und trotz eifrigen Testens wurden keine Schnellschüsse auf dem Transfermarkt getätigt, für die Fortuna schon so häufig teuer bezahlen mußte. Die Komponenten Geduld, Fleiß und Kontinuität, die mittelfristig fast immer zum Erfolg führen, wurden vom Verein auf allen Ebenen endlich beherzigt und infolgedessen steigerte sich das einstige Schmuddelkind des Düsseldorfer Fußballs von Spiel zu Spiel, bis man beim 4:1 in Leverkusen den vorläufigen Höhepunkt erreichte.
Glich die Mannschaft in 2000/01 eher einer fußballerischen Zweckgemeinschaft, die vom gemeinsamen Interesse am Mißerfolg unten gehalten wurde, so hat sich einiges zum Guten geändert. Aus Fregene, Zedi, Cupr, Jörres und Breda, die allesamt schon Zielscheibe von Zorn und Spott waren, wurden Leistungsträger. Auch Michels, Weikl und Shittu steigerten sich. Die Mannschaft funktioniert sportlich und menschlich. Deutliches Verbesserungspotential ist primär auf der Torwächterposition zu erkennen. Nicht wenige behaupten, daß der Ausfall von Uwe Weidemann die spielerische und persönliche Entwicklung der Protagonisten eher gefördert hat. Weidemanns indiskutable Leistung gegen Münster hat einmal mehr bewiesen, daß er den rechten Zeitpunkt verpaßt hat um seine Laufbahn zu beenden. Tim Kamp sollte ihm diese Entscheidung abnehmen.
Fortunas Kader ist zu klein. Vor allem die Abwehr wurde von unvorstellbarem Verletzungspech gebeutelt, so daß zeitweise mit Sesterhenn und Vucic nur noch zwei Verteidiger zur Verfügung standen. So sehr die Verpflichtung des Stürmers Kondev Sinn machte, es muß für die hinteren Regionen noch ein Akteur verpflichtet werden. Zumal sich aus der zweiten Mannschaft, die leider mit dem Oberligaklassenerhalt vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe zu stehen scheint, niemand aufdrängt.
Tim Kamp ist ein ruhiger Vertreter seiner Zunft. Er hat ein Konzept und wirft es nicht bei den ersten Rückschlägen über den berüchtigten Haufen. Wie kein Fortuna-Trainer vor ihm seit Dieter Brei (1984 – 1987) setzt er auf Kontinuität. Er ließ Dzafic und Shittu spielen, obwohl diese Entsetzliches anboten. Beiden gelang es, ihr Formtief zu überwinden. Nur die Entscheidung, ob Mollenhauer oder Cupr das kleinere Übel für das Team darstellen, fiel im nicht leicht. Molles Verletzung bugsierte den Tschechen in die Stammformation. Als Cupr endlich die volle Unterstützung seines Trainers spürte, zeigte er Leistungen, die man von ihm angesichts seines Potentials und seiner Vita schon lange erwartet hatte.
Unlängst galt Fortuna als Maßeinheit für schlechte Vereinspolitik. Das hat sich geändert. Dem Präsidium um Michael Stefes-holländer gelang es fast im Verborgenen einige Hinterlassenschaften von Heinz und Helge aus dem Weg zu räumen. Nach dem holprigen Start mit Fuchs-Entlassung und Sponsorenflucht, konnten teure Verträge diverser Spieler und von Herrn Ristic aufgelöst werden. Desweiteren gelang es einen regionalligatauglichen Kader zusammenzustellen. Abstriche gibt es für den Dauerclinch mit der Sportwelt, auf deren Homepage unlängst die vielen unbedachten Äußerungen des Präsidenten, die zumeist im Express zu lesen waren, zusammengefaßt worden sind. Beide „Partner“ provozieren sich und wünschen sich gegenseitig den Konkurs. Ein ebenso peinliches wie überflüssiges Schauspiel, das hoffentlich bald ein Ende finden wird.
Jeder kann jeden schlagen. Wo und wann war diese Aussage einmal zutreffender als in der aktuellen Regionalligaspielzeit? Dass Fortuna in Verl und unterm Bayer-Kreuz siegreich sein würde war ebensowenig vorherzusehen, wie die anschließenden Heimniederlagen gegen Werder und Münster, die bewiesen, daß das gerade entfachte Selbstvertrauen, ein zärtliches Pflänzchen ist, das sofort einknickt, wenn eigene Verletzungen und Fehler sich häufen und die Gegner cleverer agieren. Nach der Hälfte der Vorrunde läßt sich bedenkenlos konstatieren, daß es keine echten Spitzenmannschaften gibt und Fortuna (zur Zeit wohl eher auswärts) allen anderen Teams Paroli bieten kann. Genauso wird jede Truppe, die einigermaßen das Konterspiel beherrscht, mühelos die Punkte aus dem Rheinstadion entführen können, solange die Korsettstangen unserer Abwehr verletzungsbedingt fehlen. Das sind kurzfristig keine guten Aussichten.
Werfen wir einen Blick voraus: Fortuna wird sich darauf konzentrieren müssen, einen Vorsprung gegenüber den Abstiegsplätzen in die Winterpause zu retten. Mit einer wiedererstarkten Abwehrformation müßte es gelingen im dann hoffentlich bezugsfertigen Schmuckkästchen Flinger Broich den Klassenerhalt frühzeitig zu sichern. Dieser zeitliche Vorteil sollte genutzt werden um eine schonungslose Bestandsaufnahme und Überprüfung der Perspektiven der Spieler von erster und zweiter Mannschaft vorzunehmen. Dann darf es kein „Augen-zudrücken“ und „Das-wird-schon-werden“ mehr geben. Shittu, Bitzer, Dzafic, Michels und Molle spielen bis dahin auf Bewährung. Wenn sie bis Mai keinen Leistungssprung vollziehen, müssen andere ihre Chance erhalten. Was mir im Konzept generell fehlt, sind die jungen Nachwuchsspieler aus der Region, deren Entwicklung man optimistisch beobachten kann. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, daß sich noch mal eine Equipe entwickelt mit einheimischen Talenten, wie in den frühen Siebzigern und späten Achtzigern. Ich muß immer wieder hören, daß so etwas heutzutage nicht möglich sei, vor allem dann nicht, wenn man Erfolg haben will. Den haben wir auch so nicht. In einer anderen Sportart gab es einmal vier Freunde, die alle in derselben unwichtigen, englischen Hafenstadt geboren wurden. Von dort zogen sie aus, um die Welt zu revolutionieren wie niemand vor und nach ihnen. Acht Jahre lang waren sie das perfekte Team, bis sie von Anwälten und Frauen endgültig auseinander dividiert worden waren. Aber noch dreißig Jahre später ist ihr einzigartiges Vermächtnis allgegenwärtig und bleibt eine Inspiration für alle Menschen. Für Fortuna könnten auch mal wieder acht schöne Jahre der Inspiration beginnen. Warum nicht schon heute gegen Holstein Kiel?
erschienen in Nimm mich Volley Nr. 5 am 20. Oktober 2001