Deutschland - Serbien
Eine Analyse
Flashback, 18. Juni 2010, 13 Uhr 20, Port Elizabeth, weather fine. Unser Arbeitgeber hat zur jährlichen Betriebsfeier geladen. Ich platziere mich ganz weit vorne um vom Kopfschütteln und Aufjaulen der, dem Fußballsport nicht so zugeneigten Kollegen, nichts mitzubekommen, denn ich ahne, dass es gegen Serbien eine knifflige Angelegenheit werden könnte. Dafür muss man als Fan in tausend Schlachten gestählt worden sein. Die Teams laufen ein! Zittrig geh' ich die Aufstellung durch. Alles scheint wie immer. Was ist aus den groß angekündigten Veränderungen geworden? Mein Blick wabert hinüber zum Betreuerteam. Aha! Es hat sie tatsächlich gegeben. Sie betrafen allerdings lediglich den Look von Herrn und Frau Löw. Aus Strenesse-Pullis wurden Strenesse-Cardigans. Alles fein aufeinander abgestimmt. Dazu tragen beide die gleiche klobige Uhr. Sie links, er rechts. Was soll das? Ich fühle mich provoziert. Versucht da jemand die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen oder soll etwa perfekte Symmetrie signalisiert werden? Auf dem Spielfeld war von Symmetrie zunächst nichts zu erkennen. Dort gab es beim Spielaufbau ein deutliches Rechts-/Links-Gefälle. Aber unseren Jungs gehört die erste Chance: Poldi verzieht knapp. Bei einem sauber ausgeführten Vollspannstoß hätte es schon geschnackelt. Mein Gott, wer hat diese unverschämt leckeren, gut gewürzten Knabbereien vor mich gestellt? "Waiter, two beers, please!" Ach nee, ich trinke ja gar keinen Alkohol. Aber vielleicht ist genau jetzt der Zeitpunkt gekommen um damit anzufangen! Spätestens als der kleinliche Schiedsrichter Alberto Undiano damit beginnt, jede Berührung mit einer gelben Karte zu ahnden und im Verwarnungsrausch nach zwei harmlosen Kontakten auch noch den stets fairen Miroslav Klose vom Platz befördert, und unmittelbar darauf, dass letztendlich entscheidende 0:1 fällt, ist es um mich geschehen: "Zwei Korn, s'il vous plait!" "Kollege kommt gleich"! Na, prima.
Entsetzte Rehaugen
Die gesamte Begegnung entpuppt sich als eine einzige, unglückliche Kettenreaktion. Der deutschen Elf ist keine wirklich schlechte Leistung zu attestieren. Es kommt eben vor, dass sich die Verteidiger Schludrigkeiten und Stellungsfehler leisten. Dass ein hochgelobter und -begabter Mesut Özil nicht so frisch und agil den Taktstock schwingt. Auch Chancenverwertungen können mitunter miserabel sein. Doch war die deutsche Elf ihrem Gegner bis zum Platzverweis überlegen und erspielte sich nach dem Rückstand auch in Unterzahl Torchancen. Sie durfte nicht ungestört kombinieren wie gegen Australien, doch waren auch gegen Serbien viele Angriffe durchdacht, die Gelegenheiten wurden erspielt und waren keine Zufallsprodukte. Aber am Ende zählt nur das, was hinten rauskommt und das war nix. Ich fühle mich, wie die letzte Wurst. Auch die aufmunternden Worte der beneidenswert naiven Kollegin: "Och, Dirki. Ist doch nicht so schlimm. Das Leben geht weiter!" konnten keinen Trost spenden und wurden mit einem larmoyanten "Für Dich vielleicht!" gekontert. Den verstörten Blick aus ihren entsetzten Rehaugen werde ich nie vergessen.
Was vom Tage übrig blieb
Unterm Strich steht die erste Niederlage nach 24, der erste verschossene Elfmeter nach 36 Jahren (Uli Hoeneß gegen Polen). Der Freitag, das Betriebsfest, das Wochenende - alles komplett im Eimer. Auch die WM? Das wird sich zeigen. Bis Mittwoch heißt es Wege der Ablenkung suchen, das Ghana-Spiel wird stressig genug. Frei nach dem Chef (Sepp Herberger) lautet die Devise: Nach der Angst ist vor der Angst. Jetzt brauche ich keine Angst mehr vor Serbien haben (siehe gestriger Blog), jetzt fürchte ich Ghana. Ob zurecht, wird sich zeigen. Das erste deutsche Vorrundenaus bei einer WM ist längst keine Utopie mehr sondern liegt im Bereich des Möglichen. Das darf nicht sein! Nicht bei dieser sympathischen Mannschaft, der doch eben noch die Zukunft zu gehören schien.
Bilanz in schlafloser Nacht
Aufgewühlt von diesen Gedanken in schlafloser Nacht ziehe ich Bilanz. Wie wäre das eigene Leben verlaufen, wenn man es nicht komplett dem Fußballwahnsinn sondern naiver ägyptischer Höhlenmalerei oder schlicht und einfach Gott verschrieben hätte? Macht es Sinn Freud' und Leid gegeneinander aufzurechnen? Auf den ersten Blick kann man sich als Fan der deutschen Nationalelf wirklich nicht beklagen. Ich war in Wembley dabei, als Bierhoff uns in den Eurohimmel köpfte und schoß. Sternstunden wie Brehmes perfekter Elfer beim Triumph von Rom (1990) und Klaus Fischers Fallrückzieher zum Ausgleich gegen vorlaute Franzosen (1982) ließen mich angezogen in Swimming Poole springen. Aber da waren auch Schmerzen und Tränen. Viele Tränen. Und keiner konnte sie trocknen als sie bei der WM1994 vor Ort in New Jersey beim K.o. gegen Bulgarien (1:2) aus meinen Augen rannen. Untröstlich mussten wir brutale Nackenschläge gegen Holländer (EM1988), Dänen (EM1992), Portugalen (EM2000), Italiener (WM-Finale 82; HF 2006), Österreicher (1978), Kroaten (1998), Argentinier (1986) und Braslileiros (2002) hinnehmen. Die Swimming-Pool-/Reich-der-Tränen-Bilanz ist also eindeutig negativ. Womit auch das gerne bemühte Lineker-Zitat: "am Ende gewinnen immer die Deutschen" ad absurdum geführt wäre. Noch mehr Schmerzen geht einfach nicht. Da muss der Fußballgott, notfalls die FIFA vor sein. Und so wird es am Mittwoch schon gut gehen gegen Ghana... Und wenn nicht? Einen Plan B habe ich nicht in der Tasche. Zweieinhalb WM-Wochen ohne die DFB-Elf. Unvorstellbar.
Die deutschen Haudegen in der Einzelkritik
Joachim Löw
Wie schon bei der EM 2008 (vgl. Partien gegen Kroatien und Spanien) hat es Löw nicht verstanden in einem verloren geglaubten Spiel durch Umstellungen für die Wende zu sorgen und auch mit seinen Wechseln lag er völlig daneben. Einen Özil, der gerade richtig Fahrt aufnahm und die deutsche Drangperiode initiierte, rauszunehmen, war unverzeihlich. Auch der Hallodri Thomas Müller kann jederzeit für eine Entscheidung sorgen. Dass ein Festhalten am schwachen Badstuber an diesem Tage niemandem auf deutscher Seite helfen würde, konnte jeder sehen. Marcel Jansen hätte sicherlich für viel Schwung sorgen können. Marin, Cacau und Gomez waren aber auch ohne Zutun Löws einfach nur schlecht. Und so bewirkten die Einwechslungen nur wenig, die Zahl der Tormöglichkeiten nahm eher ab denn zu. Wie schon bei seiner Personalpolitik, seiner Sturheit, seinem badischen Idiom, seinen Gehaltsforderungen, seiner Totalvermarktung durch den umtriebigen Klinsmann-Intimus Eitel und seinen modischen Kapriolen scheint sich herauszukristallisieren, wofür Löw sich wirklich hält: Für einen unfehlbaren Sonnengott. Und so ließ er auch gestern das geneigte Volk wissen "Ich bereue nichts" und "Diese Niederlage wird uns nicht nervös werden lassen und wir werden Ghana besiegen". Das wird sich zeigen.
Manuel Neuer
Hatte bislang noch keine Gelegenheit sein großes Können unter Beweis zu stellen. Zu einer Parade gab es keinen Anlaß. Am 0:1 zwar per sé schuldlos, aber bei Jovanovics Schuß hat er sich für meinen Geschmack zu schnell und zu ängstlich weggedreht. Man kann sich auch an tollkühnere Robinsonaden des Schalkers erinnern, bei denen er Ball und Gegner weggeboxt hat. Tim Wiese hätte es getan. Gegen Ghana könnte es ein Neuer Tag werden. Read my lips...
Philipp Lahm
Er ist ganz einfach ein fantastischer Spieler. Ein echter Kapitän. Er passte, flankte, wuselte - half aus, wo es nötig war. Aber alles umsonst. Immer, wenn das deutsche Spiel zu Erlahmen drohte, hätte man am liebsten 9 P.L.-Klone auf's Feld geschickt. Die These, dass er ein sehr guter rechter, aber ein Weltklasse-Linksverteidiger ist, wurde aber auch gestern nicht widerlegt. Alleine schon um die Ghanaer zu verwirren und nicht zuletzt um das Badstuberr-Experiment zu beenden, sollte der Münchener auf die linke Seite wechseln. Für seine bisherige Position bietet sich Boateng an, der auch nicht in soviele aussichtlose Kopfballduelle gezwungen werden würde, wie Lahm gestern gegen den ihn um 32 cm überragenden Zigic.
Per Mertesacker
War für mich eine der großen Enttäuschungen. Er fand einfach kein Mittel gegen das Kopfballungeheuer Zigic. Der deutsche Chefscout, Urs Siegenthaler, muss hier genauso Versäumnisse einräumen, wie 2008, als wir uns von den zuvor x-fach beobachteten Kroaten aushebeln ließen. Am Boden merkte man ihm an, dass er ebensowenig wie seine Viererkettenkumpels Badstuber und Friedrich, über das fußballerische Rüstzeug verfügt um die Bälle gescheit und präzise nach vorne zu spielen. Trotz allem ist sein Reich-der-Tränen-Potenitial begrenzt. Wollte Team Löw nicht mal Verteidiger mit starker Spielauslösung (Achtung: neuer DFB-Sprech) heranzüchten?
Arne Friedrich
Tritt neuerdings in bunten Schuhen auf. Man weiß nicht, was man davon halten soll. Ist trotz bunter Schuhe kein Künstler geworden, sein Aufbauspiel verdiente diesen Namen kaum. Sein erster Fehlpass gelang ihm nach 13 Sekunden. Neben der Präsentation seiner Lieblingspose: Hände neben der Hüfte offen verdreht nach vorn, wenn er keinen Anspielpartner findet blieb dem Berliner Absteiger außer ein paar spontanen Ausflügen in die Spitze nur der Blick auf seine bunten Schuhe. Sein Reich-der-Tränen-Potential ist riesig und angezogen ins Swimming Pool wird er mich wohl auch niemals schicken.
Holger Badstuber
Was in Freundschaft gegen Bosnier klappt, muss noch lange nicht gegen Serben funktionieren. Jeder im Stadion konnte bereits nach fünf Minuten registrieren, dass der 21-Jährige mit seinem Gegenspieler Krasic heillos überfordert war. Keine Offensivaktionen, keine Dribblings oder gar Flanken, dafür immer wieder in brenzlige Situationen und Turbulenzen verwickelt. Nach seiner Supersaison mit den Bayern habe ich mir mehr von ihm vesprochen. Jeder im weiten Rund hätte ihn spätestens in der Pause erlöst. Warum dies nicht geschah, wird auf ewig Jogi Löws Geheimnis bleiben, wie so vieles! Auch Ghana hat schnelle Rechtsaußen und Deutschland ein Problem hinten links. Sein Reich-der-Tränen-Potential tendiert trotzdem gegen Null, denn im weiteren Verlauf dürfte er von der Bank aus keinen allzu großen Schaden anrichten, so Gott will! Bleibt aber ein ernsthafter Kandidat für die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft.
Sami Khedira
Mit seinem verschärften Vorwärtsdrang immer ein paar Schritte von seinem Partner Schweinsteiger entfernt, manchmal weiter weg, als für die defensive Grundordnung gut war. Sein wesentliches Problem, die große Übersetzung in schnellen Spielsituationen, offenbarte sich in einem taktischen Foul gegen Krasic (20.). Seine Spielauffassung birgt Risiken und Chancen: Denn sein Vorwärtsdrang garantiert ja auch schnelle, gute Zuspiele in die Spitze, wo er die Serben mit seiner steten Präsenz irritierte. Hätte sich und das Team mit einem strammen Schuss an die Latte fast belohnt und mich ins Schwimmbad geschickt. Wechselte nach der Pause ins defensivere Fach, hielt nun Schweinsteiger den Rücken frei.
Bastian Schweinsteiger
Arbeitete sich trotz Erkältung sofort in die Tiefen des Raumes hinein. Das war auch nötig, er war als Ordnungskraft und Feuerwehrmann gefordert. Half aus, wo immer Not am Mann war War sich für nichts zu schade. Nach der Pause trotz Unterzahl auf Offensive getrimmt: Vergab eine gute Chance (54.), weil er statt zu schießen schlenzte. Wichtiger Spieler, aber nicht ganz so wirkungsvoll, wie er es wahrscheinlich gern gehabt hätte. Nach den früh gesetzten Maßstäben des spanischen Referees hätte er gut und gerne ebenfalls Gelb-Rot sehen können. Gelingt der Befreiungsschlag gegen die Westafrikaner wird Leader Schweinsteiger noch viele Menschen zumindest ins Entmüdungsbecken befördern wie weiland 2003 seine "Cousine" nächtens an der Säbener Straße.
Thomas Müller
Erfüllte erstaunlich stellungstreu das Rechtsaußenprofil, sah zunächst von seinem üblichen Vagabundenleben ab. Seine Flanken hatten aber mächtig Reich-der-Tränen-Potential. War aber auch da draußen ein unangenehmer Zeitgenosse für die Serben: drängend, umtriebig, unberechenbar. Kam jedoch zu selten in die gefährliche Zone. Wichtiger Spieler, aber nicht so wirkungsvoll, wie er es wahrscheinlich gern gehabt hätte. Aber dieser frecher Hund, wird uns in den kommenden 15 Jahren noch viel Freude machen. Sein Swimming-Pool-Potential ist nach oben unbegrenzt.
Mesut Özil
Machte fast nahtlos da weiter, wo er in Durban aufgehört hatte. Wenig Ballkontakte, viel Wirkung. Zunächst kein dominantes Spiel, aber immer wieder elegant und für die Serben eine stete Gefahr. Nach der Pause, in Unterzahl, mit einigen Pässen auf Podolski, deren Veredelung mir ein extrem feuchtes Bad beschert hätten. Musste kurz darauf aus taktischen Gründen raus - eine katastophale Fehlentscheidung, da er immer gefährlicher und dominanter geworden war. Von seiner angeblichen Ermüdung war nichts zu sehen.
Lukas Podolski
Bekommt beim DFB ja meistens die Bälle, die er braucht: Geradewegs gabelfertig auf den linken Fuß. Sein erster Torschuss in der siebten Minute ging trotzdem knapp vorbei. Kam in der ersten Hälfte aber kaum mehr zum Schuss, die Serben gewährten ihm nicht den Raum, den er für sein Spiel braucht. Immerhin: Die eigene Unterzahl verschaffte ihm später Raum, was ihm sofort zwei Chancen einbrachte. Hatte in dieser Phase mehr Ballkontakte als beim 1.FC Köln in der Rückrunde. Leider war auch ein fataler Ballkontakt dabei: sein verschossener Elfmeter. Die Deutschen verschießen vom Elfmeterpunkt? Wenn es erst wieder in 36 Jahren passiert, kann man damit leben. Definitiv noch mit viel Swimming-Pool-Potential.
Miroslav Klose
Gehemmt durch eine frühe Verwarnung. Zog häufig ins Mittelfeld zurück, um Kontakt zum Spiel zu finden. Leider hat ihn die Verwarnung nicht ausreichend gehemmt: Für sein - eher harmloses, aber völlig überflüssiges - Foul an Stankovic bekam er die zweite gelbe Karte und musste das Feld verlassen. Hier hätte sich der Routinier und einzige "Überlebende" der Vizeweltmeister von 2002 geschickter verhalten müssen. Jetzt erstmal gesperrt und kann seinen inneren FDP-Parteitag feiern. Da er nur eines seiner 11 WM-Tore in K.o.-Spielen (2006 gg ARG) erzielt hat, erscheint sein Pool-Potential begrenzt.
Cacau
Kam für Özil und blieb überrschend blaß.
Marko Marin
Sollte als echter Flügelspieler die Lücke im serbischen Abwehrblock aufspüren, versuchte das meist von links. Daraus wurde auch nichts. Ein enttäuschender Auftritt. Die Serben sind eben keine Hannoveraner oder Bochumer.
Mario Gomez
Weil Cacaus Stürmerblut alleine nicht ausreichte, kam noch ein echter Mittelstürmer dazu, der außerdem doppelt und dreifach motiviert sein musste: Denn Kloses Stammplatz ist ja jetzt wieder zu haben. Aber auch daraus dürfte erstmal nichts werden. Der einstige Komet am deutschen Stürmerfirmament ins längst verglüht. Selbst bei diesem Kurzeinsatz gelang es ihm sein enormes Reich-der-Tränen-Potential zu demonstrieren. Zweikampfschwach wie Heid Kabel.