Dieses Interview mit dem "Gerresheimer Jong" entstand im Sommer 2000 unmittelbar vor der "Aleks-wird-gut"-Saison. Der ehemalige Düsseldorfer Sürmerstar gehörte zu diesem Zeitpunkt noch nicht dem Fortunavorstand an. Er stand der Fortuna und den handelnden Personen damals skeptisch gegenüber, nicht zuletzt, weil man seinen Bruder Klaus erst 1998 erst ins Traineramt gedrängt hatte um ihm anschließend die volle Rückendeckung zu versagen. Wer weiß wo die Fortuna heute stehen könnte, wenn Klaus Allofs sein berufliches Potential nicht erst im harmonischen Bremen ausgeschöpft hätte. Auch nach acht Jahren noch lesenswert.
Fischer: Wie beurteilen Sie Fortunas aktuelle Entwicklung? Stichworte Trainerwechsel und Sportwelt?
Th. Allofs: Ich begrüße die Rückkehr von Aleksandar Ristic sehr. Aber die maßgeblichen Leute verstecken sich hinter seiner Person. Alte Fehler sollen durch ihn kaschiert werden. Dasselbe geschah, als der Vorstand meinen Bruder für den Trainerjob weichgeklopft hatte. Klaus wollte lediglich Manager werden. Entschied sich dann aber dafür Verantwortung zu übernehmen, statt zu denen zu gehören, die immer nur reden und kritisieren. Ein Segen für das Präsidium um Herrn Ottens, denn es stand bereits mit dem Rücken zur Wand und befreite sich durch die Person Klaus Allofs. Zum Dank haben sie ihm in der schwierigen Situation das Messer in den Rücken gestoßen. Auch die Geschichte mit der Sportwelt ist sehr dubios. Es stand zu lesen, daß Herr Heßling vergeblich versucht hat, den Vertrag verständlich zu erklären. Dann wurde ein Informationsabend versprochen. Den wird es aber wahrscheinlich nie geben. Wie sollen sich da seriöse Partner jemals engagieren. Durch Ristic werden immerin dieselben Sponsoren, die damals auch dabei waren, zurückkehren. Grundsätzlich müßte neues Blut in den Verein fließen. Fortuna lebt in einem Vakuum. Es kommen keine neuen Ideen ins Spiel.
Bevor Allofs fliegt, müßt ihr mich killen
Fischer: Woran ist das Projekt Klaus Allofs und die "neue Fortuna" gescheitert?
Th. Allofs: Seine Verpflichtung entfachte eine positive Stimmung im Vereinsumfeld. Es waren gute Langfristkonzepte vorhanden. Man nahm sich fest vor über den Tellerrand hinauszublicken. Doch die Zusammensetzung des Kaders stimmte nicht. Dafür war mein Bruder nicht verantwortlich. Vor allem Dobrovolski und Bach haben Vereinspolitik betrieben. Man hätte sie nach der Hinrunde rausschmeißen müssen, doch es fehlte die Rückendeckung der Vorstandsetage. Helge Achenbach, als Nachfolger von Ottens, sagte zwar noch kurz vor Klaus' Demission: "Bevor Allofs fliegt, müßt ihr mich killen". Er selbst blieb allerdings im Amt mit der Begründung "der Verein braucht mich doch". Durch seine stimmungsabhängige Wahl großer Worte bringt Achenbach sich selbst unnötigerweise in solcher Konflikte. Wir wissen doch alle, daß Fußball ein großes Geschäft ist. Aber solch ein Verhalten ist trotzdem unglaubwürdig und viele Sponsoren oder Zuschauer behalten so etwas im Hinterkopf.
Fischer: Glauben Sie, daß Fortuna jetzt mit Ristic und ohne Heßling erfolgreicher sein wird und für Sponsoren und Fans wieder attraktiver werden kann?
Th. Allofs: Ich hoffe es. Das hängt dann aber davon ab, ob man Spieler bekommt, die sich für den Verein einsetzen, sich auch präsentieren wollen. Man muß vorher die Gedankengänge, die Ziele der Akteure eruieren, ihren Werdegang verfolgen, um den Charakter des Spielers herauszufiltern. Fußballer sind Egoisten, sie spielen für sich alleine. Die Zeiten sind vorbei, daß die Kicker aus der Region kommen und sich mit dem Verein identifizieren. Fußballer ist ein knallharter Beruf geworden, mit dem viel Geld verdient wird.
Wir waren fußballverrückt
Fischer: Zurück zur Vergangenheit. Waren Sie als Junge richtiger Fortuna-Fan?
Th. Allofs: Klar! Ich hatte die ganzen Fotoalben. Mit Bildern von Lothar Weschke, Dieter Herzog, Rainer Geye und Egon Köhnen, der nachher ein guter Freund wurde. Ich bin auch immer von Gerresheim mit dem Fahrrad zu den Spielen an den Flinger Broich gefahren. Für uns gab es zu dieser Zeit nichts anderes als Fußball. Wir haben mit Tennisbällen auf der Straße, vor der Haustür, eigentlich überall gespielt. Sogar in der Wohnung mit Socken. Es gab aber auch keine andere Ablenkung - im Gegensatz zu heute.
Fischer: Beschreiben Sie bitte den Übergang von Ihrer Zeit als Jugendspieler zu den Profis.
Th. Allofs: Ich spielte mit der A2 in der Sonderliga. Obwohl eher schmächtig, schoß ich viele Tore. Ralf Dusend und ich rückten in die A1 auf, zu Tippenhauer, dem damaligen Co-Trainer von Dietrich Weise. Als Jugend-Nationalspieler habe ich danach für zwei Jahre als Vertragsamateur unterschrieben und bei den Profis mittrainiert. Im Winter 1978 /79 verletzte sich Wolfgang Seel. Das war meine Chance. Von da an habe ich praktisch die komplette Rückrunde mitgespielt und war an den tollen Erfolgen beteiligt. Wir belegten einen beachtlichen 7. Platz in der Bundesliga, gewannen den DFB-Pokal gegen Hertha BSC und unterlagen nach großem Kampf dem CF Barcelona mit 3:4 n.V. im Europacup-Finale.
Gänsehautatmosphäre
Fischer: Wie verkraftet man so viele Highlights im ersten Profijahr?
Th. Allofs: Mit meinen 19 Jahren konnte ich das alles noch nicht begreifen. Es lief ab, wie ein Film. Verschont von Krisen war der Erfolg für mich eine Art Selbstverständlichkeit. Ich hatte nichts zu verlieren, spürte keinen übermäßigen Leistungsdruck. In Basel bin ich trotzdem unter großer Anspannung eingelaufen. Als wir uns im Kabinengang dem Spielfeld näherten, spürte ich, wie das Stadion bebte. Draußen erblickte ich dann unsere phantastischen Fans, die tapfer gegen die katalanische Übermacht ansangen und uns unentwegt nach vorne peitschten. Mir lief es eiskalt den Rücken runter. Nach dem verlorenen Spiel waren wir brutal enttäuscht. Barcelona war als Mannschaft und Verein eine andere Welt. Dennoch war die Möglichkeit da, als Sieger vom Platz zu gehen. Ein kleiner Trost war der triumphale Empfang in der Stadt.
Fischer: Mit viel Pech stolperte Fortuna in den nächsten EC-Saisons über Glasgow und Lissabon.
Th. Allofs: Wir hätten nach der 1:2 Niederlage in Glasgow 1:0 gewinnen müssen. Aber es war wie verhext. Der Ball flog an den Innenpfosten, gegen das Lattenkreuz oder der Keeper kriegte noch irgendwie seine Fingerspitzen dran. Am Ende blieb es beim 0:0 und wir sind unglücklich in der ersten Runde raus. In der darauffolgenden Saison - im Viertelfinale gegen Benfica Lissabon - war es ähnlich. Wir hatten so häßliche orange Trikots an. Obwohl wir die damals irgendwie ganz gut fanden, konnte man darin eigentlich nicht gewinnen und so haben wir eine 2:0 Führung noch verspielt. In Portugal haben wir 1:0 verloren - auch ohne orange Trikots. Das waren so kleine Knackpunkte. Gut gespielt, aber der letzte Tick fehlte. Wenn wir da weitergekommen wären, hätten wir die Hütte voll gehabt. Im Grunde genommen, waren das die schönsten Zeiten. Der Zusammenhalt war groß. Junge und ältere Spieler haben viel gemeinsam unternommen. Leider ist aus diesem Erfolg und der damit verbundenen Euphorie kein Kapital geschlagen worden. Fortuna hätte sich als Spitzenverein etablieren können. Damals war die Schere zwischen den Klubs aus finanzieller Sicht noch nicht so weit auseinander. Pech war, daß tragende Säulen wie Dieter Brei und Gerd Zimmermann verletzungsbedingt ihre Karrieren beenden mußten und nicht adäquat ersetzt wurden. Damals hätte Fortuna Horst Hrubesch verpflichten können. Jedoch hat man sich aus Kostengründen für Emanuel Günther entschieden. Fortunas Macher hätten ein höheres Risiko eingehen müssen. Wenn man damals Thyssen, Mannesmann oder Henkel angesprochen hätte, wären sie bestimmt bereit gewesen zu helfen, denn Fortuna hatte ein positives Image und Perspektive.
Abschied und Wiederkehr
Fischer: Anfang der 80er kam Fortuna der Abstiegszone immer näher. Waren sie überrascht, daß immerhin noch bis 1987 die Klasse gehalten werden konnte?
Th. Allofs: Bei meinem Abschied 1982 wären wir beinahe abgestiegen. Im letzten Heimspiel gegen den HSV habe ich kurz vor Schluß den vielumjubelten 3:3-Ausgleich geschossen, sonst wäre es vorbei gewesen. Zum Glück hatten wir in diesem alles entscheidenden Spiel eine erstaunlich tolle Unterstützung unserer Fans. Es war schon ein Erfolg, daß wir mit der Truppe in der Liga geblieben sind. Mir war klar, daß es nach meinem Wechsel zum FCK immer schwerer werden würde, für die Fortuna. Allerdings rückten immer wieder gute Spieler nach.
Fischer: Im Februar 1990 kehrten Sie zur Fortuna zurück. Der Wechsel von Köln über Straßburg nach Düsseldorf stand kurz vor dem Scheitern.
Th. Allofs: Man durfte nicht innerhalb einer Saison ins Ausland und wieder zurück zu einem dritten Verein wechseln. Es gab dann eine Ausnahmegenehmigung von Seiten des DFB. Die Fortuna und insbesondere Peter Förster, dessen Idee meine Rückholaktion war, haben sich intensivst dafür eingesetzt. Das hat mir mächtig imponiert. Für mich war es eine emotionale Entscheidung. Den Frust in Straßburg zurück zu lassen und zu meinem Heimatverein zurückzukehren, war sehr reizvoll.
Fischer: Wie haben Sie die Arbeit mit Ristic in Erinnerung?
Th. Allofs: Er war zu meiner Zeit ein super Trainer. Wir hatten eine junge Mannschaft mit lauter einheimischen Spielern, wie Büskens, Schütz, Preetz und Krümpelmann. Das Training war abwechslungsreich, hat viel Spaß gemacht und Ristic konnte uns erfolgreich sein bestimmtes System eintrichtern. Wir haben in der Rückrunde als fast schon abgeschlagener Aufsteiger mit 8:2 Punkten einen tollen Endspurt hingelegt und wurden Neunter. Leider ging er dann Ende des Jahres nach Schalke. Das war für uns ein Schock, denn bis dahin lief es sportlich optimal. Jedoch krachte es zwischen Vorstand und Trainer. Ob berechtigt oder von Ristic provoziert, um den Verein verlassen zu können, kann ich jetzt auch nicht mehr beurteilen. Danach kam mit Peppi Hickersberger ein lockerer Lebemann. Ein Charmeur der Wiener Schule. Nach zwei Niederlagen zu Beginn, holten wir mit ihm 11:1 Punkte und standen auf Platz 6. Er war ein positiver Trainer, der den Spaß gefördert hat und uns Mitspracherechte einräumte. Das war zuviel des Guten. Diese Freiheiten bekamen uns nicht. Nach den Siegen, fehlte jemand, der uns wieder auf den Boden holte. Der Schlendrian kehrte ein, was zwangsläufig zu der Niederlagenserie führte. Denn vorher hatten wir eindeutig über unsere Verhältnissen gespielt. Hickersberger hat es nicht verstanden, dafür zu sorgen, daß wir weiter konzentriert arbeiteten. Nach der Heimniederlage gegen Leverkusen fiel das Kartenhaus zusammen.
Abstieg zum Karriereende
Fischer: 1991/1992 ging dann Fortunas positive Entwicklung endgültig zuende.
Th. Allofs: Nominell hatten wir eine starke Truppe beisammen und dachten, daß wir mit dem Abstieg nichts zu tun haben würden. Das Mannschaftsgefüge ist aber vollends auseinandergebrochen, weil keine starke Person, wie es Ristic war, die Hand mehr auf den Spielern hatte. Es war kein Teamgeist da eher Cliquenbildung. Gerade der Saisonstart verlief trotz ansprechender Leistungen unglücklich. Dann brachen diese unterschwelligen Animositäten auf. Hickersberger wurde nach 0:12 Punkten schließlich durch Rolf Schaftstall ersetzt.
Fischer: Viele sagen, wenn Schafstall nicht bald darauf ebenfalls entlassen worden wäre, dann hätte er die Fortuna zum Klassenerhalt geführt.
Th. Allofs: Stimmt. Aber für mich und einige andere war er vom menschlichen her der grausamste Trainer. Er hat voll auf Disziplin gesetzt. Er hat mich massiv angegriffen, dagegen seinen Spezi Christian Schreier bevorzugt. Dennoch haben wir mit ihm die meisten Punkte geholt. Er ist dann nachher über eine Freundin im Trainingslager gestolpert. Und die Frau vom (mittlerweile inhaftierten, die Red.) Vize Axel Gärtner, fühlte sich von Schafstall nicht entsprechend beachtet. Für eitle Funktionäre ein Entlassungsgrund. Viele standen seinem Abgang gleichgültig gegenüber. Die Nachfolger Gede und Köppel sind dann auch gescheitert. Die Situation in der Mannschaft war einfach zu verfahren, wir haben mehr gegen- als miteinander gespielt. Wir wollten zwar, denn letztendlich ging es um unsere Verträge. Aber im zwischenmenschlichen Bereich gab es eine Blockade, so daß nach dem ersten Gegentor, die ganzen guten Vorsätze dahin waren. Dann kam Hauswald als neuer Präsident, der mit dem Holzhammer reingeschlagen hat. Einige Spieler wurden in dieser Zeit suspendiert. Als Großverdiener wurde ich besonders hart attackiert. Zu allem Überfluß hatte ich mir gegen Dresden einen Kreuzbandriß zugezogen. Uns wurden neue Vertragsangebote unterbreitet. Dabei ging es gar nicht um die Höhe sondern um die Art und Weise wie man das getan hat. Nach neun Monaten Reha-Training bei Bernd Restle mußte ich einsehen, daß es nicht mehr geht und meine Laufbahn beenden. Aber selbst wenn ich wieder gesund geworden wäre, hätte ich nie mehr für Fortuna gespielt, weil es in dieser Zeit durch die ganzen Vorkommnisse zu einem Bruch zwischen dem Umfeld der Fortuna und meiner Person gekommen ist.
Fischer: Differenzieren Sie zwischen Hauswald und Co, die diesen Bruch herbeigeführt haben und dem Verein Fortuna, den Sie Ihr ganzes Leben lang geliebt haben?
Th. Allofs: Das ganze Theater hatte nur mit den handelnden Personen zu tun, nicht mit dem Verein. Ich bin Düsseldorfer und mein Herz wird immer für die Fortuna schlagen. Ob es Thomas Allofs nochmal im Fußball-Geschäft geben wird, kann ich nicht ausschließen. Interessant ist es allemal. Momentan ist aber nichts geplant.
Stichworte für Thomas Allofs
Nationalelf
Die größte Enttäuschung erlebte ich 1982. Ich war im 22-Kader für die WM in Spanien, doch Jupp Derwall, der Wahnsinnige, entschloß sich zur Wahrung des Betriebsfriedens nur 19 Spieler mitzunehmen. Holger Hieronymus, Stefan Engels und ich mußten zu Hause bleiben. Zweimal durfte ich Jahre später für Deuschland auflaufen. Gegen Portugal und die UdSSR. Ein paar Mal saß ich noch auf der Bank, aber Verletzungspech und die große Konkurrenz verhinderten weitere Einsätze.
Heidelberger
Lustig war immer unser einmaliger Zeugwart, Karl Heidelberger. Dusend und ich wurden von der Presse als "Youngsters" bezeichnet. Für Heidelberger waren wir eher "Young Gangsters". Uns Allofs-Brüder nannte er nur C und D Claus und Dommy. Himmlisch.
Mitspieler
Am besten harmoniert habe ich mit meinem Bruder, aber auch mit Gerd Zewe, Rüdiger Wenzel und Ralf Dusend, der ebenso wie Günter Thiele zu wenig aus seinen Möglichkeiten gemacht hat. Weniger gut war das Zusammenspiel mit Jörn Andersen oder Bernd Klotz, die ihre Stärken nicht im Doppel- bzw. Kurzpaß- sondern im Kopfballspiel hatten.
Neuchâtel
Unter Otto Rehhagel, im Trainingslager am Vierwaldstätter See, waren wir in einem Hotel zum Essen eingeladen. Die Gastgeber haben auf französisch etwas vorgetragen und Namen genannt und wir haben immer eifrig und fröhlich geklatscht, ernteten dafür aber nur entrüstete Blicke. Bis rauskam, daß es sich um eine Gedenkveranstaltung handelte, bei der den Verstorbenen Neuchatels gedacht wurde. Wir hatten uns wirklich nichts Böses dabei gedacht, waren dann aber unten durch. Peinlich.
Claus oder Dommy? Bis heute unbeantwortet - Die Frage nach dem Torschützen des 1:1 in Basel. Der Stadionsprecher tappte voll im Dunkeln und gratulierte “Zimmermann”.
erschienen in Nimm mich Volley Nr. 4, August 2000