Überall Möpse
Manchmal kotzt mich das Leben an. Manchmal nervt schon das Morgenlicht, das mich weckt, das Gehabe dieser Frau neben mir, die Dusche, das verdammte Zähneputzen. Der Frühstückstoast schmeckt geschmackslos und die Nachbarsblagen kreischen mich um den Verstand. Der Weg zur Arbeit ist eine Qual. Um mich herum in der Bahn hocken nur Roboter mit ausdrucklosen Gesichtern, „witzigen“ Micky-Maus-Krawatten und Eigelb auf ihren Hemden. Die Bahn fährt in einen Tunnel, und ich erinnere mich an unseren letzten wilden Urlaub, damals mit 20, unterwegs mit den besten Freunden. Wie wir am Strand die spektakulären Brüste Griechenlands prämiert, Flohmarktpunks und Brustrasierer verlacht und uns ab mittags mit Wodka und Campari on the rocks die Birne weggeschossen haben. Das war ein Spaß. Es war diese einzigartige Mixtur hormoneller Explosionen, blanker Panik, aber auch einer Prise blinder Willkür. Wir waren eben jung wie Tiere. Ein Leben. Kein halbes. War das nicht erst gestern? Dann komme ich ins Büro und der erste Kunde ist dieser Gartenzwergsammler aus der Bahn mit dem Eigelb am falschen Fleck. Ich bin höflich. Manchmal kotzt mich das Leben an. Das sind die guten Tage. An den schlechten Tagen spüre ich meine Unzufriedenheit nicht mal mehr. Vom Streß zubetoniert, funktioniere ich nur noch vor mich hin, sitze die Stunden ab wie ein Häftling. An schlechten Tagen küsse ich meine Frau nicht, sondern belippe sie nur. Nachbars Gören sind mir so egal, sie stören nicht einmal mehr. An guten Tagen kotzt mich das Leben an – aber immerhin ich spüre es noch. An schlechten Tagen hat die Alltäglichkeit meine Sinne komplett betäubt. Ich glaube alles wäre in bester Ordnung, dabei ist mein Leben komplett im Arsch. Ich entschließe mich dem Rat der tibetanischen Austauschschülerin zu folgen und einen Psychiater aufzusuchen. Hauptsache es passiert was. Hauptsache, Morgen schmeckt nicht nach gestern.
Auf der Couch und in der Natur
In den Behandlungsräumen des Seelenklempners, traf ich auf eine gewisse Eve, die sich als Praxissekretärin vorstellte (Hobbies: Sex, immer und überall). Sekunden später lag ich auf der Couch von Prof. Essio Nell. Er forderte mich auf von mir zu erzählen. Ich berichtete von meiner Unzufriedenheit im Job, religiösen Wahrnehmungsstörungen und der Sehnsucht nach erstklassigem Fußball. Ausnahmsweise erwähnte ich Fußball nur beiläufig, da ein Teil von mir sich davor fürchtete, dem Therapeuten präzise zu erklären, welche Bedeutung dieser Sport für mich hat. Der Professor versank in sich selbst. Zur Entspannung legte er die Techno-Karaoke-Version von Looking for Freedom in Endlosschleife auf. Dann dozierte er: „Du hast Angst vor dem Leben als Erwachsener.“ Was für eine Neuigkeit. Er fuhr fort: „Leben ist das, was einem zustößt, während man auf die Erfüllung der Hoffnung und Träume wartet. Deine Frustration kann Dir als Treibsatz für Veränderungen dienen. So wie Lennon durch seine unerfüllte Mutterliebe die Musik revolutionierte, Franz Beckenbauer dank seiner Begabung neue, schönere Fußballwelten schuf und ich aufgrund meiner Impotenz..., aber lassen wir das! Wähle einen Beruf, der Dich erfüllt. Du bist noch jung, nutze die Zeit.“ Mit kaum vernehmbarer Stimme wisperte ich: „Ich habe Angst vor morgen.“ Auch hier wußte er Rat: „Das liegt an Deiner Sensibilität. Wahrscheinlich bist Du zu lange gestillt worden. Übrigens, wie ist Deine Beziehung zu Deiner Mutter?“ Meinen seelischen Schaden hatte ich als unveränderlichen Geburtsfehler zu akzeptieren gelernt, über meine Mutter mochte ich dem glitschigen Mediziner aber nichts erzählen, was nicht unerkannt blieb: „Du blockst noch. Laß Dich fallen.“ Und wie ich verschwand. Dabei nahm ich Eve direkt mit. Tags darauf knallte ich meine Kündigung dem Chef vor den Latz. In den folgenden Wochen genoß ich dank technischer Gimmicks die neu gewonnene Freiheit. Früher gab es nichts von all dem Schnick-Schnack, auf das ich täglich angewiesen bin: Tagsüber nichts im Fernsehen, keine DVDs, keine samenabweisenden „Magazine“. Früher war eben doch nicht alles besser. Ich hätte mir fast sicher einen Job suchen müssen, weil ich sonst im Park Enten nachgestellt hätte. Nach ein paar Monaten des Freizeitstresses kroch aber allmählich die Langeweile in mir hoch und ich machte mir dann doch Gedanken über eine seriöse Beschäftigung. Schließlich wollte ich nicht, daß meine Follower eines Tages die Schlagzeile „Irrer Menschenfresser tanzte mit nackter Liebespuppe“ über mich in der Zeitung lesen mussten.
Taxi zum Klo
Ein Freund machte mich darauf aufmerksam, daß die Fortuna, der darbende Fußballverein meiner Heimatstadt, einen Manager suchte. Wildentschlossen rief ich am Flinger Broich an und erhielt tatsächlich eine Einladung. Am nächsten Tag betrat ich die heiligen Räume meines Traumvereins. Vor dem Waschraum begegnete mir ein distinguierter Herr im feinen Zwirn. "Seien Sie vorsichtig“, riet er mir. „Wenn man auf dem Klo ist, hört man von irgendwoher Stimmen." Er machte ein äußerst verdutztes Gesicht als ich ihm antwortete: "Ich höre immer und überall Stimmen. Sie sind wohl in meinem Kopf." Einen Augenblick später saß er mir gegenüber und entpuppte sich als mein potentieller Vorgesetzter Petr Freimuth. Ich glaube, es gibt zahlreiche Methoden, bei Leuten, die einen zum Vorstellungsgespräch bitten, einen günstigeren Eindruck zu machen. Herr F. eröffnete mit einem tödlichen Paß das Gespräch: „Verraten Sie mir, womit Sie sich außer Fußball noch so beschäftigen.“ Außer Fußball? Diese Frage traf mich völlig unvorbereitet. Eigentlich gab es darauf gar keine Antwort und wenn, müsste sie lauten: mit nichts! Aber das war mir dann doch irgendwie selbst zu peinlich und risky. „Ich beschäftige mich mit arabischer Geschichte in Europa, rechtsrheinischer Theologie und naiver Höhlenmalerei.“ Jetzt war es endlich raus. Der große Programmierer dort oben hatte mein Hirn mal wieder auf Paranormal geswitched. Überraschenderweise schien mein Gegenüber Gefallen an meinen extraordinären Hobbies zu finden: „Aha, so so. Interessant. Hm? Was halten Sie noch gleich von Frauen und Gleichberechtigung?“ wollte er nun von mir wissen und es schien als ginge er auf’s Ganze. Eines meiner Lieblingsthemen. Ich witterte ein Heimspiel „Eine Frau ist durchaus ein sympathisches Geschöpf. Gerne teile ich mir mit ihr und all ihren Geschlechtsgenossinnen diesen Planeten. Mein Arbeitsleben möchte ich aber bitte nicht mit ihnen verbringen. Einst war ich für das Recht auf Gleichberechtigung, dann war ich fünf Jahre dagegen, seit fünf Jahren bin ich wieder voll dafür.“ Von meiner Aussage erwartete ich Rückenwind, denn wer seine Standpunkte so hübsch ändern kann, der lebt auch gerne und braucht sich nicht zu fürchten. Der Meinungswandel gehört zum Leben, ebenso wie der Stimmungsumschwung. Es kam anders. Da Petr Freimuth in seinem früheren Leben – wie er gestand - eine Frau war, verstimmte ihn meine Offenheit leicht, trotzdem blieb er freundlich: „Haben Sie noch eine Frage?“ Wie ferngesteuert öffnete sich mein Mund und sie sprudelten nur so heraus: „Warum gibt es keinen Joghurt mit der Geschmacksrichtung Bensenman oder kleine Raupe Nimmersatt?“ Petr komplimentierte mich hinaus mit den Worten „Rufen Sie nicht an. Wir melden uns bei Ihnen.“ Ich habe nie wieder von ihm gehört. War jetzt der Zeitpunkt gekommen sich ernsthaft Sorgen zu machen? Und wenn ja, worüber?
Liebe in Mainz
Ich hatte es mal wieder vermasselt. Es war okay, für einige Dinge nicht geschaffen zu sein, daß ich aber einen Job als Direktor Sport nicht bekomme, weil ich die falsche Einstellung zu Frauen habe, war gar nicht okay. Gerade der Fussball sollte eines der letzten Refugien, für den vom Aussterben bedrohten machiavellen Chauvinismus bleiben - zum Teufel noch mal! Mittlerweile arbeite ich als Lobbyist bei der Regierung und berate den militärisch-industriellen Komplex. Meine Arbeitszeiten überschneiden sich mit den Spielen meiner Fortuna. Das ist nicht gut. Bleibt zu hoffen, dass ich nicht in die Scheinwelt der Drogen flüchte wie so viele vor mir. Zum Konsum bewußtseinserweiternder Stimulanzien gibt es aber zum Glück Alternative. Wenn ich es auf ultimative Ekstase anlege denke ich nicht an Cocaine, auch nicht an wilde Opium-Bondage-Rollenspiel-Orgien mit den ÖR-Party-Girls Jessy Wellmer und Judith Rakers (daran natürlich auch), sondern an die Last-Minute-Erstürmung des dritten Tabellenplatzes in der Saison 2015/16. An eine Relegation mit sommerlichen Fahrradsternfahrt mit nacktem Oberkörper am Rhein entlang zum alles entscheidenden Spiel beim FSV Mainz, wo Fortuna und die 8.000 mitgereisten Fans die Welt aus den Angeln heben werden. Daran will ich glauben. Wenn ich mich den Schützen des entscheidenden Treffers, Mike van Duinen, wie einen gepflegten Gouda, am Mainzer Dom vorbeirollen sehe, dann vergesse ich all` meine Probleme: Die wahnwitzige Videothekenrechung für Pornos, das-nicht-erwachsen-werden-wollen-oder-können-aber-müssen-Syndrom, das Heranrücken der Karnevalszeit, die mißlungene Stricherkarriere und das Ende von Tim und Struppi, Dallas, Sledge Hammer und Columbo. Und wenn‘s am Ende doch nur Platz 4 wird? Macht nichts. Ich hab ja die Nummern von Jessy und Judith.
erschienen in Nimm mich Volley Nr. 3, März 2000