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Der "Pepi" hat bei Lehrmeister Dietrich Weise genau zugehört
Der "Pepi" hat bei Lehrmeister Dietrich Weise genau zugehört

70. Fortuna Düsseldorf – Bayer 05 Uerdingen 1:1

30.11.1985, Bundesliga, 1985/86, 17. Spieltag

Ein Samstagnachmittag im deutschen Herbst 1985. Mein Rad und ich kämpften uns verspätet von einem eigenen Fussballspiel kommend auf dem Weg nach Stockum durch unangenehmen Nieselregen und diverse furchteinflößende Nebelbänke. Es dämmerte bereits gewaltig als wir das Rheinstadion erreichten. Dort herrschte absolute Grabesstille. Kein Gegröle, kein Geschrei, nicht mal das theatralische Stöhnen der Vortribünen-Stammkundschaft war zu vernehmen. Der Nebel schluckte alles erbarmungslos. Selbst die Ordner starrten stumm ins Nichts und verzichteten auf ihre beliebten Alibikontrollen. Rein gar nichts deutete daraufhin, dass just in diesem Moment in dem vor mir liegenden Betonklotz ein Bundesligaspiel stattfand. Und noch viel weniger war davon auszugehen, dass Fortuna, die Sklavin meines Herzens, in eben jenem Spiel in Führung liegen könnte. Da sich die erste Halbzeit bereits dem Ende näherte, erklomm ich, um nicht noch mehr zu verpassen, den nächst gelegenen Block L, den berüchtigten „Rentnerblock“. Der erste Blick in das weite Rund ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Nur vereinzelt befanden sich Zuschauer auf den überdimensionierten Tribünen und die nur schwer zu erkennende, riesige Anzeigetafel ließ den Spielstand aufleuchten: 0:1. Das im zweiten Durchgang dargebotene war zwar gar nicht so schlecht, aber es war das Ambiente, das dieser Partie ihren zombiehaften Charakter verlieh. So wenige Zuschauer habe ich nie wieder bei einem Bundesligaheimspiel von Fortuna Düsseldorf erlebt. Offiziell waren es 5.000. Eine völlig unglaubwürdige Zahl. Aber eigentlich war auch nichts anderes zu erwarten gewesen. Schließlich war Fortuna Tabellenletzter und empfing die Werkself von Bayer Uerdingen mit ihrem eigenen morbiden Charme. Mehr Tristesse ging nicht. Selbst die tristesten Garather Wohnblocks versprühten mehr Glamour. Heute ist Fußball in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wird von einer nimmermüden Medienmaschinerie befeuert und als knallbunter Luftballon perfekt inszeniert. Damals war er häufig einfach nur grau in grau. Die Stadt Düsseldorf aber wollte glänzen, sie wollte Weltstadt sein. „Klein-Paris“ eben. Da passte die Fortuna nicht zum Image und wurde als ungeliebtes Stiefkind verstoßen. Als Beleg dafür führte das Lokalfernsehen regelmäßig pseudo-repräsentative Umfragen unter „typischen“ Düsseldorfern auf der „Kö“ durch. Auch vor dem Uerdingen-Spiel brachte Sport im Westen (SiW) erneut diesen fragwürdigen "Klassiker". Ein ganz besonders witziges Exemplar Kö-Bummler juxte: „Die könnten bei mir auf’m Hof spielen und ich würde nicht vom Balkon runter gucken.“ Soviel Dummheit schmerzte, war aber nicht verwunderlich, denn damals waren eben nicht nur Weltklassespieler sondern auch Medienprofis im Verein rar gesät. So konnte Trainer Dieter Brei, ein kreuzehrlicher Mensch, aber alles andere als ein Medienprofi, am 28.11.85 – unmittelbar vor dem Uerdingen-Spiel - im SiW-Iv offenherzig zugeben: „Im Verein werden Anstrengungen unternommen, mir ans Leder zu wollen!“ Brei fuhr sogar noch fort: „Ich kann ihnen auch nicht sagen, ob wir schon am Tiefpunkt angekommen sind.“ Eine bemerkenswerte Aussage zumal in der Öffentlichkeit und Nährboden für den Boulevardjournalismus, der liebend gerne die Vereins-Querelen der 80er Jahre ausschlachtete. Die Beiträge dazu begannen IMMER mit dem Vorspann bekannter US-Intrigen-Serien und dem Satz: „Dallas und Denver am Rhein.“ Nicht nur die treuen Fans sondern auch authentische Verantwortliche wie Dieter Brei und Willibert Kremer mussten in jenen Jahren durchs Stahlbad gehen. Sich zur Fortuna zu bekennen, war Mitte der 80er Jahre eine Mutprobe, die nur wenige Verrückte auf sich nahmen. Aber zurück zum Spiel: 17 Minuten vor Anpfiff waren nach Einschätzung des SiW-Kommentators mehr Uerdinger Anhänger im Stadion als Düsseldorfer! Im Uerdinger Tor stand mit Mario Jäger ein Kämpe der Verbandsliga-Mannschaft. Da er (zunächst) nur wenig zu tun bekam, konnte er sich nicht als der gewünschte Unsicherheitsfaktor herausstellen. Es war zugleich der erste Auftritt von Rudi Bommer an seiner alten Wirkungsstätte, an der er zum Nationalspieler gereift war. Ein Wechsel, der meinen ansonsten ebenso besonnenen wie betagten Großvater dazu veranlasste, dem Rudi Plack und Cholera an den Hals zu wünschen. In den Augen von Opa durfte niemand das sinkende Schiff Fortuna verlassen, bevor es nicht endgültig untergegangen war. Die Krefelder gingen früh in Führung. Auf Rechtsaußen holzte Wolfgang Funkel zwar den Ball von der Sinco-Cola-Werbebande den Ball auf einer seltsamen Flugkurve über alle Mitspieler hinweg, dummerweise aber auch über Torhüter Schmadtke – 0:1! Nach einem verhaltenen Kabinen-Donnerwetter ging Fortuna nach dem Pausentee energischer zu Werke. Uerdingen, vom plötzlichen rot-weißen Selbstbehauptungswillen überrascht, verlor völlig den Faden und „Manni“ Bockenfeld konnte per Kopfball wenigstens noch einen Punkt retten. Kuczinski und Holmquist vergaben sogar noch eine gigantische Doppelchance zum Sieg. Der F95-„Königstransfer“ des Sommers, Kalle Del‘ Haye, stand erstmals wieder seit dem 17.08.85 in der Startformation. Müßig zu erwähnen, dass Del’Haye erneut keine Gala-Vorstellung ablieferte und in dieser Form schon wieder kein ernstzunehmender Kandidat für den Ballon d'Or war. Als 18.ter mit vier Punkten Rückstand auf Relegationsplatz 16 beendeten die Landeshauptstädter die wenig erbauliche Hinrunde, in der immerhin Meister Bayern 4:0 bezwungen werden konnte.

69. Fortuna Düsseldorf – Hamburger SV 2:3

10.09.1983, Bundesliga, 1983/84, 6. Spieltag

Willibert Kremers Mannen empfingen Ernst Happels Meistertruppe mit den Mega-Stars Stein, Magath und Jakobs. Der amtierende Europapokalsieger der Landesmeister war scheinbar seit Jahrzehnten ungeschlagen und so gingen die Rot-Weißen als krasser Außenseiter in die Partie, begegneten dem HSV aber durchaus punktuell auf Augenhöhe. Im Luchtenberg’schen Jargon hieß es anschließend in der Sportschau Fortuna habe „beherzte Angriffe“ vorgetragen. Sie konnte sogar in Führung gehen als Sepp Weikl sein Herz in beide Hände nahm und einen feinen Rückpass von Ralf Dusend humorlos in den Winkel drosch. Anschließend wurde aber wieder in den Standby-Modus geschaltet und bei einer Ecke so rücksichtsvoll geträumt, dass Jimmy Hartwig zentral aus 7 Metern ungestört einnicken konnte. Kurz darauf gelang Michael Schröder die Hamburger Führung. Doch vor 30.000 ließ sich der hartnäckige Underdog nicht entmutigen und Gigant Gerd Zewe konnte per Elfmeter den 2:2-Ausgleich erzielen, der aber leider nicht lange Bestand haben sollte, denn Hrubesch-Nachfolger Dieter Schatzschneider, dem eigentlich schon das Etikett Fehleinkauf anhaftete, verwandelte einen Freistoß aus 20 Meter zum Siegtreffer der Rothosen. Das hochklassige Spiel endete mit einer sehr häßlichen Szenze. F95-Vorstopper Peter Löhr rammte Wolfram Wuttke beide Ellenbogen in den Nacken. Dieser revanchierte sich mit einer gekonnten Spuckattacke. Schiedsrichter Elmer zückte daraufhin kompromißlos Rot für den Hamburger, der unter wütenden Pfiffen der Zuschauer in der Kabine floh, während der gute Peter korrekterweise straffrei blieb. Das war die letzte Szene, die ich für mehr als ein Jahr live im Stadion sehen sollte. Woran lag’s? Im Alter von 14 hatte mich doch noch quasi über Nacht die Pubertät eingeholt. Samstagnachmittage mit Opa auf der Vortribüne waren plötzlich so was von uncool. Meinen ersten Auftritten im R-Block sollten so schnell auch keine weiteren folgen. Der Heimat der Härtesten der Harten waren meine Nerven schlicht nicht gewachsen. Und nicht nur das. Blue Curacao, britische Rock-Musik und Mädels hatten mir ohnehin die Sinne vernebelt und zu dieser langen Abwesenheit von der Fortuna geführt. Ein krasser Fall von schlechtem Timing, denn das HSV-Match lieferte bereits zarte Hinweise auf das in der Fortuna schlummernde Leistungspotential und gab die Richtung vor „of things to come“. Doch meine Empfangsantennen hatten versagt. Ich war Blinder unter Sehenden und verpasste dadurch die größte Hochphase seit der George-Lucas-Ära. Nur wenige Wochen nach meinem "Ausstieg" sollte Fortuna zur Creme de la Creme des Deutschen Fußballs gehören. Siege gegen den kommenden Meister VFB, die 7:0-Demontage des BVBs und unvergessene 4:1-Triumphe über Borussia Mönchengladbach und den FC Bayern vor ausverkauften Häusern inklusive. Das alles fand ohne mich statt und vielleicht waren diese Erfolge auch nur durch meine Enthaltsamkeit möglich, denn so konnte die Truppe sich unbelastet von meinem schlechten Fortuna-Kharma frei entfalten. Allerdings war Platz 5 im Saisonverlauf das Höchste der Gefühle. Just in dem Moment als die gurueske Kickerelite um HSV-Manager Günther Netzer und Bundestrainer Jupp Derwall unserer Fortuna medienwirksam den Titel zutraute, erfolgte der brutalste Absturz der Bundesliga-Geschichte mit nur noch 4 Punkten aus den letzten 14 Spielen der Saison. Das einzig tröstliche daran – auch diese Phase habe ich verpasst. Ich sollte erst 14 Monate später am 20.11.1984 in ein Fußballstadion zurückkehren. Auf dem Spielplan stand das Pokal-Achtelfinale: Bayer 05 Uerdingen – F95 (2:1). Auf dem Weg zum Krefelder Pokaltriumph wenige Monate später, konnte oder wollte die überaus zahme Fortuna Bayer zwar keine Steine in den Weg legen, aber ich war wieder da und war gekommen um zu bleiben.

68. Fortuna Düsseldorf – VFB Stuttgart 0:7

15.03.1986, Bundesliga, 1985/86, 27. Spieltag

In meinen feucht-fröhlichen Teenagerträumen hatte ich am 08.03.1986 den Abstiegskampf nach unserem 3:2-Husarenritt bei den Bayern im Handstreichverfahren für beendet erklärt. Basta! Nur eine Woche später kehrte das Abstiegsgespenst in albtraumhafter Manier zurück. Einem Sieg beim selbst ernannten „Stern des Südens“ folgte die Heimniederlage gegen den Tabellen-Siebten, der uns schon im Hinspiel mit 5:0 entzaubert hatte. Die permanenten Achterbahnfahrten gehörten zur speziellen Fortuna-Logik jener Jahre. Ich vernahm das Ganze auf meinem Kofferradio, das ich mit in den Skiurlaub nach Südtirol geschleppt hatte. Auf einem Sender, der sich RTL nannte und damals bestenfalls Insidern als Hinterhofbutze aus Luxemburg semibekannt war. Von daher bezweifelte ich das überlieferte Resultat vehement und hielt es zunächst für einen der bemitleidenswerten Comedyversuche im frühen Zeitalter des Privaten Rundfunks. Spätestens nach meiner Heimkehr musste ich dann aber feststellen, das es sich im Rheinstadion vor 12.000 Augenzeugen tatsächlich so zugetragen hatte. Meine liebe Mutter musste für mich alles, was ich während meines Urlaubs auch nur ansatzweise für sehenswert hielt, und das war schon damals sehr sehr viel, auf Dutzende Video2000-Cassetten bannen (in Ferienwohnungen waren 1986 TV-Geräte nämlich seltener anzutreffen als „Eventies“ in den Stadien). So natürlich auch allles, was mit Fussball zu tun hatte, selbstredend neben Büro, Büro, Sledge Hammer oder Ronnys Pop-Show. Und so erlebte ich im Schnellverfahren, was mir eine Woche zuvor entging: Der 15. März war der Tag des Jürgen Klinsmann und gleichzeitig ein Höllenritt für seinen „Bewacher“ Günter Kuszinski. Der Ex von Rot-Weiß Lüdenscheid war nicht mehr als ein Spielball des zukünftigen Weltmeisters. Eher weniger. „Kusche“ hatte einen rabenschwarzen Tag erwischt und war so heillos überfordert, dass Trainer Brei ihn nach dem 0:4 (57. Minute) gegen Michael Bunte auswechselte. Sprach man Jahre später von Schutzschwalben, so war dies der erste historisch belegte „Schutzwechsel“, denn Kuczinski hatte praktisch alle vier Gegentore verschuldet. Unglücklicherweise geriet Brei dadurch vom Regen in die Traufe. Denn Kuczinskis "Ersatz" trieb es fast noch bunter. „Jay Göppingen“ Klinsmann machte ohne nennenswerten Widerstand einfach weiter und erzielte seine Treffer vier und fünf, wobei Michael B. ihm maximalen Geleitschutz leistete. Aber auch Dietmar Grabotin und der ebenfalls auf’s Feld gekommene Dean Thomas machten eine denkbar unglückliche Figur. Streng genommen hat allein der blonde Schwabenpfeil an einem Nachmittag gleich vier Korsettstangen der Düsseldorfer Defensive auf Jahre hinaus demoralisiert. Da blieb es natürlich nicht aus, dass im Bericht der Kommentator permanent auf Begriffe wie „desolat“ oder „in Fortunas Strafraum ging es nun drunter und drüber“ zurückgreifen musste um das beispiellose Chaos in der Hintermannschaft zu schildern. Wenn jemals ein Team ernsthaft die Einführung von No-touch-Football geplant hat, und sei es nur aus der Freude an wilder Anarchie heraus, Fortuna war es an diesem Tage gelungen, aber vermutlich absolut ungewollt. Die Fortunen gingen zudem völlig unclever mit dem sich abzeichnenden Desaster um. Anstatt frühzeitig zu versuchen, die Blamage in Grenzen zu halten, wurden weiterhin dilettantische Angriffszüge vorgetragen, die dazu führten, dass man von den Schwaben ausgekontert wurde wie unreife Schulbuben. Aber so war sie halt, die Fortuna 85/86. Sie verstand es meisterhaft ihre Anhänger durch tiefe Gefühlstäler zu schicken. Nach dem VFB-Schocker hatte man Platz 16 „zurückerobert“. Allerdings konnte Fortuna Düsseldorf in der Folge noch einige Überraschungserfolge landen, so dass durch eine unterm Strich starke Rückrunde (Platz 5 in der RR-Tabelle) der direkte Klassenerhalt doch noch gesichert werden konnte. Wie dies mit den genannten ebenso hölzernen wie demoralisierten Abwehrrecken überhaupt möglich war, darauf fällt selbst mir als Zeitzeugen im Nachhinein eigentlich gar keine vernünftige Antwort ein.

67. Hannover 96 – Fortuna Düsseldorf 2:0

11.05.1993, 2. Bundesliga, 1992/93, 41. Spieltag

Und wieder ein Spiel aus der schrecklichen Vereinigungssaison, die ich eigentlich schon nach einem 0:1 in Jena, spätestens aber nach dem peinlichen 1:3 gegen Hertha BSC am 33.ten Spieltag (nach drei Niederlagen am Stück war Fortuna Letzter, d.h. 24.ter) abgehakt hatte. Doch dann konnte sich die Fortuna noch einmal aufraffen wie ein alterschwacher Drache kurz vor seinem Tod, um einen letzten, scheinbar aussichtslosen, aber vielleicht sogar doch nicht ganz vergeblichen Kampf gegen die drohende Drittklassigkeit zu kämpfen. Sieben Spiele in Folge ohne Niederlage hatten uns auf Platz 21 hochkatapultiert. Von da aus waren es gerade einmal lächerliche fünf Punkte bis zum rettenden Platz 17, auf dem der FC St. Pauli logierte. Zudem wartete F95-Keeper Jörg Schmadtke schon seit 630 Minuten vergeblich auf ein Gegentor und stand kurz davor den Vereinsrekord zu pulverisieren. Diese Gemengelage ließ in mir ein Gefühl erwachen, das so lange verschütt gewesen war, dass ich schon nicht mehr wusste, dass es in mir jemals existiert hatte: Die grundlose, aber unbedingte Überzeugung, alles werde gut. Wurde es aber nicht. Unmengen an rot-weißen Fortuna-Victims waren nochmal mit nach Niedersachsen gepilgert, doch in der als „Spiel der allerletzten Chance“ apostrophierten Partie (von diesen Spielen gab es in der Vereinshistorie und insbesonders in dieser Saison mehr als reichlich) passierte nichts, was der Hoffnung auf ein Happy End Nahrung gab. Und auch der neue, auf 708 gegentorlose Minuten hochgeschraubte Vereinsrekord, wurde letztlich doch von einem gewissen André Breitenreiter beendet. Die nächste „zu-Null“-Serie Schmadtkes dauerte jedenfalls nur 12 Minuten bis Sergej Barbarez in der Schlußsekunde das 2:0 für den kleinen HSV erzielte. Die rot-weiße Invasion Hannovers erwies sich als vergebliche Liebesmüh. Unter Quality Time versteht man halt was anderes als sich von der gelegentlich aufkommenden Euphorie rund um die Fortuna zu sinnlosen Auswärtsfahrten verleiten zu lassen obwohl man es eigentlich besser hätte wissen müssen. Die Rückfahrt bot dann genug Gelegenheit um sich mit dem erstmaligen Absturz in die Oberliga ausseinanderzusetzen, der nun endgültig unvermeidbar war. Damals bedeutete Drittklassigkeit noch finstere Provinz mit Touren nach Teveren, Rheydt oder Brück. Am Ende der Saison, fünf Spieltage später, stand Fortuna immer noch auf Abstiegsrang 21, nunmehr sogar 9 Punkte vom rettenden Ufer getrennt. Das zweite Gesetz der Thermodynamik wurde also auch 1993 von den Fortunen bestätigt: Früher oder später ist alles scheiße! Aber nur vorübergehend. Das diese später als „Tour über die Dörfer“ glorifizierte Folgesaison der Start einer längeren Erfolgsstory werden würde, konnte noch keiner der traurigen Hannover-Fahrer ahnen. Und doch war es so!

66. Fortuna Düsseldorf – Bayer 04 Leverkusen 0:2

17.04.1991, Bundesliga, 1990/91, 26. Spieltag

Düsseldorf im frühen Frühjahr 1991 – das hieß nach einer Generation Enthaltsamkeit plötzlich Kaviar statt Rollmops, Finesse statt Tristesse, Pepi statt Aleks und UEFA-Cup-Qualifikations- statt Abstiegskampf. Damit musste man als Fortuna-Jünger erstmal mit umzugehen lernen. Unser Team ging mit der Empfehlung von 11:1 Punkten aus den letzten sechs Partien an einem kalten Mittwochabend vor 18.000 Zuschauern in diese Begegnung gegen den Neunten aus der Farbenstadt. Als Sechster hatte Fortuna zu diesem Saisonzeitpunkt in der Bundesligatabelle so wenige Vereine vor sich, wie seit 12 Jahren nicht mehr. Der Nachfolger von Aleksandar Ristic als Trainer, Josef „Pepi“ Hickersberger, hatte das Glück zurück nach Düsseldorf gebracht. Jenen Dusel, der ihm bei seinem vorherigen Job als österreichischer Auswahltrainer gefehlt hatte. Durch ein 0:1 auf den Faröer-Inseln hatte das Alpenland schmählich die EM-Qualifikation verbaselt. Aber mit seinem Wiener Kaffeehaus-Charme ließ er nicht nur jahrtausende alte Gletscher schmelzen sondern stachelte auch Thomas Allofs, Mike Büskens, Jörg Schmadtke und Jörn Andersen zu Höchstleistungen an. Obwohl, bei Letzterem muss man direkt einschränkend hinzufügen, dass der Norweger zwar wieder torgefährlicher wurde, diese Gefahr sich aber vor allem gegen das eigene Gehäuse richtete. Trocken wie Kekse aus der Vorkriegszeit konstatierte Hickersberger in der Pressekonferenz des vorherigen Spiels in Uerdingen, das die Fortuna in der Schlußminute absolut unverdient mit 2:1 gewann, den Sachverhalt: „Wir haben so schlecht gespielt, aber so viel Glück gehabt, dass ich den Gedanken nicht los geworden bin, da oben will mich jemand für die Faröer-Inseln entschädigen! Wenn ich nur an die Situation denke als Jörn Andersen fünf Minuten vor Schluß den Ball an die Latte des eigenen Tores hämmert - für solche Aktionen ist in Nürnberg schon ein anderer Spieler verhaftet worden.“ Gemeint war der Skandal um Falschspieler beim FCN, Vlado Kasalo, der nach diversen Eigentoren und weiteren Anschlägen auf den eigenen Kasten vorsichtshalber von der Staatsmacht aus dem Verkehr gezogen worden war. Wumms, das hatte gesessen. Während der F95-Trainer keine Miene verzog, brüllte die Pressemeute vor Lachen.

Bereits 1990, im zarten Alter von 21 Jahren, habe ich dem Alkohol entsagt. Erstaunlicherweise änderte das wenig bis gar nichts an meiner Verrücktheit. Tagein, tagaus musste ich mich mit meinen exzentrischen Einfällen rumärgern. Mein neuester führte zum spontanen Entschluß (Ende März!) die Reise zum Auswärtsspiel beim FC Bayern mit dem Rad anzutreten. Der Wetterdienst schickte zwar wüste Schneesturmwarnungen raus, die aber völlig an mir abprallten. Warum weiß ich bis heute nicht. Als Belohnung für diese München-Tour der etwas anderen Art erhielt ich zwei „VIP“-Karten für das Leverkusen-Spiel von Mike Büskens persönlich, der sich zwei Jahre zuvor extra eine Gelbsperre gezogen hatte, nur um am Spieltag auf einer meiner legendären „Dirki-allein-zu-Haus“-Partys statt in Karlsruhe auflaufen zu können.

Mit dem Selbstvertrauen eines Erfolgsteams durchtränkt, drängte die Fortuna die Bayer-Elf von Anfang an in in deren eigene Hälfte, bis bei derem ersten Vorstoß in der 13. Minute F95-Keeper Schmadtke Jorginhos Schuß nur halbherzig zur Seite abklatschen konnte. Ulf Kirsten staubte ab. Ein krasser Torwartfehler Schmadtkes, der im klassischen 91er Fantasy-Tripper-Outfit angetreten war um die gegnerischen Stürmer zur Verzweiflung zu bringen, bescherte den Rot-Weißen trotz massiver Überlegenheit einen frustrierenden Halbzeitrückstand. In der Pause merkte ich dann was VIP-Karten anno 1991 im eiskalten Rheinstadion bedeuteten. Nämlich (fast) nichts. Inbegriffen war lediglich der Genuß des Spiels und anscheinend nicht der von kulinarischen Spezialitäten im „Bauch“ der Haupttribüne. Jedenfalls wurden wir recht ruppig an der Tür zu dem Raum abgewiesen, der in der Vor-arena-Zeit der einzige Ort war um dem sicheren Kältetod zu entkommen. In der zweiten Hälfte dann das gewohnte Bild: Bayer igelte sich ein und fortan spielte nur noch die Fortuna. Carracedo tunnelt Seckler, wird zum Dank dafür im Strafraum von Schreier umgenietet – doch die Pfeife bleibt stumm. Micha Schütz hämmert per Seitfallzieher an die Unterkante der Latte. Büskens glänzt mit sensationellen Schüssen, doch nach einem mehr als fragwürdigen Freistoß für Leverkusen schlich sich Marek Lesniak am linken Ende des Fünfmeterraums frei und köpfte den Ball völlig unbedrängt über Schmadtke hinweg rechts ins lange Eck. 0:2 in der 64.ten Minute. Unglaublich! Ralf Loose und Andreas Kaiser hatten sich in dieser Szene mehr als nur ein Sekundenschläfchen gegönnt. Wenigstens hat Kaiser dann mit einem unüberflüssigen Kung-Fu-Tritt noch Kirsten abgeräumt. Kaiser selbst sprach von einer „Kurzschlußreaktion“. Meinte damit aber wohl nicht sich sondern eher Schiedsrichter Amerell, der dem Andi die rote Karte für dieses Frustfoul nicht vorenthalten wollte. Kaiser warf bei seinem Abgang – bar jeder Selbstkritik - Kirsten üble Schauspielerei vor. Herrlich, dafür gab’s eine Grammy-Nominierung! Mike Büskens wollte den Preis für das brutalste Einsteigen aber unbedingt für sich reklamieren und grätschte Erich Seckler Richtung Wupper. Seckler konnte danach nicht mehr ohne fremde Hilfe vom Platz und beendete daraufhin seine Karriere. Am Ende stand mal wieder eine bittere Niederlage, die aufgrund des einseitigen Spielverlaufs selbstredend unverdient war. Fortuna und der UEFA-Cup. Das war ein zu kurze Liaison, die die größte Liebesgeschichte aller Zeiten hätte werden können. Als Kosmopolit freute ich mich schon auf Wiener Cremetörtchen und koreanische Partynutten in Dnjepropetrowsk. Aber vergeblich, denn nach einigen Wochen des Entflammens und der Hoffnung, läutete diese unglückliche Heimpleite eine katastrophale Saisonschlußphase ein, die mit etwas Verzögerung auch schon wieder zum Ende der Ära Hickersberger führen sollte.

65. Borussia Dortmund – Fortuna Düsseldorf 1:0

16.08.1989, Bundesliga, 1989/90, 4. Spieltag

Es gibt zwei Wege Eingang in die Liste der Horrorspiele zu finden. Auf ersterem wird Fortuna von einem Haufen überheblicher Diletannten gegen zumeist minderbemittelte Kicker ins Tal der Finsternis geführt. Und dann gibt es die Partien, in denen die Rot-Weißen zaubern wie D. Copperfield, kämpfen wie die stolzesten Gallier und sich kopfüber in einen aussichtslosen Kampf mit einem überlegenen Feind stürzen wie Gary Cooper in 12 Uhr mittags, bei dem Fortuna aber - im Gegensatz zu Sheriff Will Kane - das Happy End verwehrt bleibt. Nicht zuletzt weil Fortuna nie eine Grace Kelly hatte. Von der Art des heroischen Scheiterns war Fortunas Auftritt beim amtierenden Pokalsieger aus Dortmund, in dessen Reihe eine Prinzessin stand, die den Unterschied ausmachen sollte: Andi Möller! Zum Saisonstart hatte Underdog Fortuna den Aufstand gegen die namhafte Konkurrenz aus Hamburg, Bremen und Frankfurt geprobt, bei dem immerhin zwei achtbare Unentschieden gegen starke Gegner raussprangen. Schmerzhaft war nur die äußerst unglückliche 1:2-Heimniederlage gegen die zuvor beinah abgestiegene Eintracht aus Frankfurt, die aber inzwischen zu einem Topteam avanciert war. Gewiß, vorzeigbare und respekt einflößende Leistungen, nichtsdestotrotz befand man sich schon zu diesem frühen Zeitpunkt genau dort, wo alle vermeintlichen Experten den Aufsteiger erwartet hatten: Kopfüber in der "Scheiße"! Dass sich Ristics junges Team nicht nur aufs „kämpfen“ sondern auch vorbildlich aufs „spielen“ verstand, wurde nicht nur in den vorangegangenen Partien sondern auch an diesem drückend schwül-heißen Sommerabend überdeutlich. Das zur vorigen Spielzeit beinah unveränderte Team des Zweitligameisters, lediglich verstärkt durch die Kölner Fortunen Uwe Fuchs und Anthony Baffoe, dominierte den BVB nach allen Regeln der Kunst. Unterstützt von 5.-10.000 heißblütigen Düsseldorfern, die sich in einer neuzeitlichen Form der Völkerwanderung ins östliche Ruhrgebiet begeben hatten, agierten die Landeshauptstädter kess und frech wie englische Schülerinnen auf ihrer ersten Junggesellinnen-Abschiedsparty, während der BVB mit einer gewissen Nervösität rang, die ihm aufgrund des unerwarteten DFB-Pokaltriumphes beschlichen zu haben schien. Ein ums andere Mal lag dem Gästeanhang der Jubelschrei auf den Lippen. Doch er musste sich jedes Mal den befreienden Schrei verkneifen, denn zwar hätte aus dem Hintergrund immer wieder nur noch Chaloupka schießen müssen, doch der gute Pavel tat es nie, jedenfalls nie so, dass er „Teddy“ de Beer hätte bezwingen können. Obwohl der große Favorit lange taumelte, blieben für uns schlußendlich nur die Komplimente, aber die Dortmunder heimsten die beiden Punkte ein. Rolf Töpperwien (ZDF) hatte zwar „selten im Westfalenstadion eine Mannschaft gesehen, die so sehr auf Sieg gespielt habe, die so überlegen und mit so guter Raumaufteilung spielte, wie Düsseldorf“, dennoch reichte Andi Möller eine Szene, in der er mit zwei, drei pirouettenhaften Drehungen die gesamte Abwehr mitsamt Torhüter Schmadtke austanzte, der zur Unzeit einen Ausflug an die Strafraumlinie gewagt hatte. Der auf der Torlinie absichernde Carlo Werner sank bei Möllers gut platziertem Geschoß in sich zusammen wie ein nasser Sack. Als selbst der treueste Borussia-Junkie nicht mehr damit gerechnet hatte, kam, sah und traf also Grace Kelly. Ein Tor wie ein Schlag mit dem Preßlufthammer mitten ins Gesicht der Fanseele. Und das in der 86.ten Minute. Jegliches Hoffen und Bangen auf einen glücklichen Ausgleich in der restlichen Spielzeit erwies sich natürlich als vergeblich. Es schien, als wäre der Fortuna zwar der Aufstieg und damit die Qualifikation für Bundesliga gelungen, aber scheinbar hatten sich dort höhere Mächte gegen sie verschworen. Mich beschlich das furchteinflößende Gefühl, dass es am Ende nicht reichen und der Aufenthalt im Oberhaus nach einem Jahr wieder vorbei sein würde. Obwohl es früh in der Saison war und dieses Match logischerweise nicht ansatzweise über Sein oder Nichtsein entscheiden konnte, verließ ich das Stadion so demoralisiert und den Tränen nah, wie in der 10.ten Klasse die Schule nach dem Korb durch die hübsche Chemie-Referendarin. Ich schlich alleine zum Auto und wollte den ganzen Schmerz der Welt in mich aufsaugen. Wahrscheinlich war ich mit 20 einfach noch zu jung um mit der Tragik und der Ungerechtigkeit des Scheiterns zurechtzukommen. Vielleicht wollte ich unterbewußt auch nur Teil des Untergangs sein. Und das sogar soweit, dass ich mir wünschte, jeder könnte mir die ganze Wut, Trauer und Enttäuschung ansehen, in der Hoffnung, dass sich einer meiner annimmt, mich ganz fest an sich drückt, und mir zuflüstert:“Fürchte Dich nicht, Dirki! Aleks wird gut!“ Ja, ich glaube, das hätte mir gefallen und den anderen 5. bis 10.000 Fortunen sicher auch.

64. Union Solingen – Fortuna Düsseldorf 1:0

08.10.1988, 2. Bundesliga, 1988/89, 12. Spieltag

Es geschah an einem Sonntag im Oktober `88: Die Vögel zwitscherten, lieblich rauschte das Bächlein auf seinen verschlungenen Pfaden durch die malerische Landschaft und die gute, alte bergische Kaffeetafel verfehlte zu keiner Zeit ihre aromatisierende Wirkung. Es entfaltete sich eine Stimmung, in der man eigentlich, bei einem guten Likörchen, eines der häufig unterschätzten Gedichte von Hermann Löns hätte rezitieren müssen. Allessprach also für den perfekten Frühherbstnachmittag im beschaulichen Solingen, wenn da nur nicht dieses alberne Fußballspiel dazwischen gefunkt und alles verdorben hätte. Dabei standen die Sterne günstig wie lange nicht mehr, denn schließlich sollte hier und jetzt der Tabellenzweite auf den ultimativ Letzten (20.) des Tableaus treffen, der in bislang elf absolvierten Partien erst einmal gewonnen hatte. Fast überflüssig zu erwähnen, dass die ganz in sexy-gelb aufgelaufenen Unioner die rote Laterne mit sich herumtrugen und nicht die Fortuna, die von Coach Aleksandar Ristic zu einem Spitzenteam des Unterhauses geformt worden war, das um Haaresbreite bereits im Sommer 1988 – nur zwölf Monate nach dem bitteren Abstieg nach 17-Jähriger, durchgehender Bundesliga-Zugehörigkeit – aufgestiegen wäre. Aber eben auch ein Topteam, das sich auf ebenso unerklärliche, wie unwiderstehliche Aussetzer spezialisiert hatte. Und auch wenn man als Fan längst gelernt hatte, damit zu leben, so war man doch immer wieder unangemehm überrascht, wenn es passierte, zumal – wenn, so wie in Solingen, die Vorzeichen für die rot-weiße Diva so unstrittig auf Husarenritt Richtung Tabellenspitze standen. Aber es sollte mal wieder völlig anders kommen: 5.000 verwirrte Zuschauer waren Zeugen des „Nightmares on Hermann-Löhns-Weg“, in diesem gleichzeitig abstoßenden wie putzigen Old-School-Stadion, in dem man sogar unter den mächtigen Bäume, die in den Fankurven standen, vor Regen und anderen Dingen, die vom Himmel fielen, Schutz suchen konnte – und das alles bei bester Sicht auf`s Spielgeschehen. Bereits in der 6.ten Minute sollte Fortunas Konzept, worin es auch bestanden haben mag, gehörig ins Wanken geraten. Die Union mit einem Eckball von links. Das Spielgerät wurde entschlossen Richtung Elfmeterpunkt geschlagen, an dem Ex-Fortune Werner Jakobs, umringt von drei Alibi-Verteidigern, am höchsten stieg und den Ball elegant und schulbuchgemäß in den Winkel köpfte. F95-Keeper Jörg Schmadtke setzte zu einem Flug durch den Solinger Nieselregen an, der vergeblicher war, als der von Friedenstaube Matthias Rust mit Ziel Red Square, Mockba! 1:0 für den krassen Außenseiter aus der Klingenstadt. „Ausgerechnet Schnellinger“ mag man da denken. Ausgerechnet Jakobs, der Prototyp eines sehr, sehr limitierten Verteidigers, der an seiner eigenen Mittelmäßigkeit gnadenlos gescheitert war und der nichts wirklich richtig gut konnte. Eigentlich nicht mal verteidigen. Wen wundert`s, dass ihm eines von den zwei mickrigen Törchen seiner überschaubaren Profi-„Karriere“ ausgerechnet gegen seinen Heimatverein gelang? So mancher wird ihn eher mit einer anderen, für ihn sinnbildlichen Szene assoziieren. Als er noch das rot-weiße Jersey trug, lief Fortuna im Herbst 85 gegen Saarbrücken im gespenstisch leeren Rheinstadion einem Rückstand gegen die designierten Absteiger aus dem Saarland hinterher, als Magic Jakobs auf dem rechten Flügel zu einem scheinbar verheißungsvollen Flankenlauf ansetzte. In dem Moment als es darauf ankam die Hereingabe perfekt auf den Schädel von Günther Thiele zu zirkeln, holte Jakobs aus, traf den Ball – statt vorbildlich mit dem Innenspann – nur mit der Ferse seines rechten Fußes, was dazu führte, dass der Ball um sein linkes Standbein herumkullerte und die unorthodoxe Bewegung Jakobs den Boden unter den Füßen wegriß, wodurch er unsanft auf selbigem landete. Im weiten Rund herrschte entsetztes Schweigen. Niemand lachte – aus Respekt vor dem Menschen Jakobs, nicht dem Sportler. In diesem Augenblick fand der Begriff „Luftloch“ Einzug in die einschlägige, klassische Fachliteratur. Zurück nach Solingen: Im weiteren Verlauf versuchte die Fortunen zwar alles um das Spiel zu kippen, Einsatz und Moral stimmten, aber der Abschluß haperte extremst. Auch hinten präsentieren sich Ristics „Wunderkinder“ wenig sattelfest. Die von Libero Loose dirigierte Defensive wirkte alles andere als souverän. Immer wieder kam es im Düsseldorfer Strafraum zu hanebüchenen Szenen, die zu Irrungen und Wirrungen auf beiden Seiten führten. Fortunas Abwehr stand sperrangelweit offen. Doch der Solinger Aushilfsstürmer, Wolfgang Homberg, war milde gestimmt und versemmelte eine Großchance nach der anderen. Wahrscheinlich war eine Mischung aus Dankbarkeit und Mitleid der Grund, warum er drei Jahre später am Flinger Broich anheuern durfte. Mitte der zweiten Halbzeit verdichteten sich die Anzeichen, dass jedes Hoffen und Bangen im Fanlager der Landeshauptstädter umsonst war. Erst kassierte der völlig indisponierte Dirk Krümpelmann für einen Mini-Revanchetritt die Rote Karte. Dann strafte Vorstopper, Andreas Kaiser, im Schatten der Haupttribüne, Werner Jakobs für dessen Tor mit einer Todesgrätsche ab. Den Zuschauern dort, unter denen auch ich mich befand, gefror ob der geboteten Brutalität und der wahnwitzigen Rücksichtlosigkeit Kaisers das Blut in den Adern, während Jakobs sich vor Schmerzen auf dem von Pfützen übersäten Boden zunächst hin- und herwälzte, bevor er regungslos liegen blieb. Strafe muss sein, dachte auch ich mir insgeheim, aber hätte Kaiser ihn direkt töten müssen? Doch es war wie bei Balu im Dschungelbuch - nicht der Heldentod hatte zu seinem vorübergehendem Herzstillstand geführt, sondern es war nur der Schock. Irgendwann bemerkte Jakobs selbst, dass er nur scheintot war und stand wieder auf. Opfer, aber auch Täter waren nochmal mit dem Schrecken davon gekommen. Als Bernd Klotz in der Schlußminute die Kugel aus fünf Metern am leeren Tor vorbei köpfte, war auch dem letzten F95-Jubelperser klar, dass die Messe gelesen war. Fazit: Fortuna Düsseldorf enttäuscht immer dann, wenn es um die sprichwörtliche Wurst geht. Ein im fußballwissenschaftlichen Grundgesetz verankerter Leitsatz, der wohl auf ewig gültig bleiben wird.

63. Fortuna Düsseldorf – FC Bayern München 0:1

14.08.1991, Bundesliga, 1991/92, 3. Spieltag

In der Bundesligahistorie des FCBs stechen die drei Saisons heraus, in denen es dem Meister aller Klassen nicht gelang einen einstelligen Tabellenrang nach dem Ende der jeweiligen Spielzeit zu belegen. Das war erstmals 74/75 (Platz 10.) der Fall, als man noch unter Strapazen und Nachwehen des WM-Triumphes litt. Dann war es bereits 77/78 (12.) wieder soweit nachdem Kaiser Franz Beckenbauer vor den Steuerbehörden Richtung New York geflohen war. Nach einem 0:4 in Frankfurt standen die Bayern sogar auf einem direkten Abstiegsplatz. Zum einzigen Mal nach einem kompletten Spieltag, der nicht der 1.te war. Das war am 26.11.1977. Unvergessen auch die Vereinigungssaison 91/92, die nicht nur Fortuna so viel Kummer beschert hat, sondern auch für die Bajuwaren ziemlich verkorkst war. Sie verloren 15 (!) ihrer 38 Spiele und ohne die gewonnenen vier Punkte aus ihren Duellen mit der Fortuna, wären sie einen Zähler vor dem ersten Absteiger, den Stuttgarter Kickers, gelandet - gleichauf mit der SG Wattenscheid 09. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass der FC Bayern München ohne die Hilfsbereitschaft der Fortuna zum ersten und einzigen Male (fast) abgestiegen wäre. 23 Jahre ist das nun schon her. Einundzwanzigmal landeten sie in dieser Zeit in den Top 3. Je einmal wurden sie vierter bzw. sechster. Eine bemerkenswerte Bilanz. Leider wird es solch böse Ausrutscher, die den längst als Konzern agierenden „Verein“ ja auch ein stückweit sympathischer machen könnten, wohl zu unseren Lebzeiten nicht mehr geben. Doch am 3.ten Spieltag konnte – trotz der voran gegangenen Heimniederlage der Bayern gegen „Aufsteiger“ bzw. NOFV-Meister Hansa Rostock (1:2) – keiner ahnen, das dem Imperator der Bundesliga noch so manches Inferno bevorstehen würde. Am 14.8. waren die Bayern noch immer die schier übermächtigen Allesfresser mit schillernden Stars wie Effenberg, Laudrup, Scholl und den Neuverpflichtungen Labbadia, Kreutzer und Mazinho. Aber um die zu sehen waren lediglich 33.000 Zuschauer an einem warmen Mittwochabend ins Rheinstadion geschlurft, da auch die heimische Fortuna mit zwei Niederlagen zum Auftakt wenig Werbung in eigener Sache betrieben hatte. Doch vom Anstoß weg erlebten die treuesten Anhänger eine Düsseldorfer Mannschaft, die dem Favoriten zusetzte wie ein wütender Tropensturm einer auf dem Ozean wirbelnden „Nußschale“. Die erste Chance bot sich schon nach 22 Sekunden. Youngster Karsten Hutwelker vergab frei vor Aumann, der mit mehr Glück als Können klären konnte. Die anschließende Ecke fand Christian Schreier, der mit einem improvisierten Fallrückzieher-Imitat ebenso spektakulär wie knapp scheiterte. Die zunächst skeptischen Zuschauer waren jetzt elektrisiert. Doch die stürmische Anfangsphase sollte sich als Strohfeuer entpuppen, denn fortan entwickelte sich ein recht mauer Kick, der zu keiner Zeit auch nur annähernd den Glanz verbreitete, den die Duelle beider Teams in den 70- und 80er-Jahre in schöner Regelmäßigkeit verströmten. Ein Punktgewinn gegen diese Bayern lag also im Bereich des Möglichen und wäre zu diesem frühen Saisonzeitpunkt ein großer Gewinn gewesen. Und die Fortuna hätte ihn verdient gehabt, doch kurz vor Schluß schlug der Großmeister erbarmungslos und unerwartet zu. In der 90.ten Minute knallte Stefan Effenberg den Ball parallel zur Mittellinie unorthodox auf den linken Flügel - ein Paß, der eher unfreiwillig komisch, gar hilflos als bedrohlich wirkte, doch er erreichte Christian Ziege, der erst durch sein Solo für den entsprechenden Raumgewinn sorgen konnte, den er für seine präzis‘ getimte Flanke benötigte. Dann nahm das Unheil seinen Lauf: Hutwelker, der mit den besten Absichten den Ball weg zu köpfen, zu einem harpunenartigen Flug ins Leere ansetzte, verpasste das runde Leder ebenso wie Micka Schütz und Ralf Loose, die einmal mehr völlig falsch zu ihren Gegenspielern standen. Der frisch eingewechselte Mazinho nutzte seine einzige Chance eiskalt, in dem er die Kugel aus vollem Lauf humorlos unten links in die Maschen drosch. RTL-Moderator Winfried Mohren kam der Treffer spontan weltmeisterlich vor: „Ein Tor á la Helmut Rahn. Sie werden sich erinnern an ‘54!“ Nein, konnte ich nicht. Ich kannte auch niemanden, der in diesem Moment an die Götter von Bern denken musste. Wir dachten nur alle: Scheiße! Großartigen Widerstand geleistet und dann taucht da praktisch aus dem Nichts ein Brasilianer mit dem verwirrenden Vornamen Waldemar auf und macht das spielentscheidende Tor. Aber so war das halt und wird es immer sein mit den Dusel-Bayern. Ernüchternd.

62. Borussia Mönchengladbach – Fortuna Düsseldorf 1:0

15.12.1978, Bundesliga, 1978/79, 17. Spieltag

Nachdem die Fortuna in der Vorwoche die lächerlich großen Bayern in Stücke zerrissen und mit einem 7:1 zurück in die Pampa geschickt hatte, stand die kleine Fortuna in der Tabelle (4.) deutlich besser da als der Nachbar (10.) vom linken Niederrhein. Angefixt durch das Husarenstück gegen Bayern wollte ich unbedingt zum Bökelberg. Unglücklicherweise fand das Spiel an einem Freitagabend statt. Mein Fortuna-Opa, schon Anfang 70, kam mit längeren Autofahrten bei Dunkelheit nicht mehr klar und erhielt von seiner Tochter (meiner Mum) folgerichtig die Rote Karte für die Tour. So wurde kurzerhand der verrückte Plan gesponnen sich einer organisierten Busfahrt anzuschließen. Wer diese Idee hatte, inwieweit verschiedene Alternativen geprüft wurden und wie es zu der Auswahl dieses bestimmten Anbieters kam, entzieht sich meiner Kenntnis und Opa kann ich nicht mehr fragen – der ist leider schon lange tot. Sei’s drum. Der Trip versprach spannend zu werden, denn schon der bekannte Dichter, Matthias Claudius wusste, dass „einer viel erzählen kann, wenn er eine Reise tut.“ Und was es zu erzählen gab! Treffpunkt war der Worringer Platz, der wahrlich nicht der Schokoladenseite von Klein-Paris zuzurechnen war. Opa Odenwald und ich waren selbstverständlich pünktlich startklar und saßen als erste im Bus. Klassischerweise in Reihe 1. Mit zunehmender Anspannung beobachtete ich, wie sich draußen immer seltsamere Kreaturen zusammenrotteten und unserem Bus näherten. Die wollten doch wohl nicht..? Und ob die wollten! Und wie! Mit lautem Gegröhle und fiesem Geschubse stoben sie hinein. Während Opa in aller Seelenruhe nochmal die zu erwartenden taktischen Formationen durchging, stockte mir längst der Atem und mein Herzschlag setzte abwechselnd aus bzw verdoppelte sich. Das war zwar unschön, aber noch nicht lebensbedrohlich. Erst als ich bemerkte, wie der Anführer des Trupps einstieg, wusste ich dass der Abend kein gutes Ende nehmen konnte. Ein Obelixlookalike, mit einem viel zu engen T-Shirt bekleidet und Unterarmen wie Stahllträgern. Sein Punkname war Mr. Cairo – jedenfalls nannten ihn seine Kumpane so. Er hatte was Animalisches. Aber leider kam keiner auf die Idee ihn schnell noch im Krefelder Zoo abzugeben. Stattdessen bestieg er unseren Bus und wollte offensichtlich mit nach Gladbach. Der unkontrollierte, übermäßige Alkoholkonsum machte schon auf der Hinfahrt aus Proleten, fürchterlich besoffene Proleten. Die härtesten und schlimmsten Lümmel saßen natürlich in der letzten Reihe. Da waren sicher nicht nur einige mal eben „auf Bewährung“ draußen sondern schlicht und einfach „auf der Flucht!“ Man soll ja vorurteilsfrei durchs Leben gehen, aber beim Anblick dieser Höhlenmenschen wurde mir diese ehrenwerte Absicht schon früh ausgetrieben. Die wenigsten von ihnen sahen so aus als wären sie nur mitgefahren um später die Mannschaft anzufeuern oder - bei „Feindberührung“ - höchstens mit Wattebäuschchen zu werfen. Ich klammerte mich vorne an meine Stange, den Elektroschocker griffbereit und hoffte auf den Überlebenswillen des Busfahrers. Vergeblich, denn der war selbst ein rücksichtsloser Konsument von filterlosen Roth-Händles und Jürgen-Marcus-Schlagern, der durch seine strikte Weigerung die neuesten KISS-Cassetten einzulegen, die explosive Stimmung an Bord nur noch weiter anheizte. Während ich mich vergeblich hilfesuchend an meinen sanft schlummernden Großvater wenden wollte, zählte ich die Autobahnmeter bis Gladbach. Und kommt mir jetzt bitte nicht mit geographischen Spitzfindigkeiten, von wegen Nachbarstadt oder so ein Käse, aber für mich schien die Fahrt ENDLOS! Wir befanden uns hier eindeutig am Rande der Gesellschaft – wenn nicht sogar bereits darüber hinaus. Klar, dass da das Zeit-Raum-Kontinuum außer Kraft gesetzt war. Die längste Stunde meines Lebens, ich hatte Höllenängste. Fatalistische Gedanken schossen durch meinen Kopf. Sollte meine dritte Auswärtsfahrt bereits meine Letzte sein? Mit 9 Jahren war ich nun doch noch nicht bereit den Heldentod zu sterben. Mr. Cairo & Co könnten das gerne tun, ich aber nicht. Dort hinten, wo ich aus Angst schon lange nicht mehr hinguckte, aber trotzdem alles mitbekam, spielte sich ein einziger Acid Rave ab zwischen Komasaufen und Kettensägenmassaker. Schwerter wurden gekreuzt und fröhlich und ungezwungen in alle Richtungen uriniert. So muss es aussehen, wenn man das Tor zur Hölle öffnet und die Welt untergeht – Armageddon ante portas! Busfahrten waren zwar schon lange kein Wunschkonzert mehr, aber eine Reise mit solchen Hunnen – die musste doch nun wirklich nicht sein. Leider weiß ich nicht mehr, wie und ob Opa mich zur Rückfahrt in den Horrorbus motivieren konnte. Wahrscheinlich versprach er mir eine Wagenladung Aal. Daran ist jegliche Erinnerung verloschen. Als ich dann zuhause in meinem Bettchen lag, durchströmte eine wohlige Welle der Erleichterung meinen Körper. Das war das einzige Mal in meinen Kindheitstagen, dass mir eine Pleite der Fortuna nebensächlich erschien. Das Gefühl noch mal davongekommen zu sein, siegte über den Schmerz der Niederlage.

61. Rot-Weiß Ahlen – Fortuna Düsseldorf 4:1

09.12.2006, Regionalliga Nord, 2006/07, 20. Spieltag

Kennt Ihr das? Es graut der Samstagmorgen im Dezember und bevor man richtig wach ist, fällt einem ein, dass nur ein paar Stunden später eine zweimonatige Winterpause beginnen wird. Und bekanntlich pausiert in der Winterpause nicht nur selbiger, sondern auch König Fußball - zumindest in heimischen Gefilden. Was würde also mehr Sinn machen, als den letzten Kick vor der langen Enthaltsamkeit „live und in Farbe“ aufzusaugen? Blöd nur, wenn dieser „Kick“ in einem schlappe 200 Km entfernten Kaff stattfindet. Aber egal, wir haben in unserer Fankarriere schon ganz andere Wahnsinnstrips bewältigt ohne uns auch nur ansatzweise die Frage nach dem Sinn des großen Ganzen zu stellen. Warum also jetzt damit anfangen, wo es fast zu spät ist? Kurzerhand wurde die zweiköpfige Nutella-Gang ungeduscht ins Auto verfrachtet und ab ging die wilde Fahrt gen Ahlen. Immerhin lockte verheißungsvoll die Tabellenspitze. Und obwohl die Blasen drückten wie verrrückt, standen offizielle Pinkelpausen auf dem Index, denn die Zeit pressierte und wir wollten schließlich keinen der göttlichen Flügelläufe von Denis Wolf oder Yusuf Adewunmi verpassen. Yippieh! Für das, was inoffiziell auf der Rückbank geschah, konnte ich meine Hand selbstverständlich nicht ins Feuer legen. Nachdem wir für unseren kleinen Flitzer eine lauschige Nische in einem ausgetrockneten Bachbett gefunden und den Kassenbereich unter großem Hallo überrannt hatten, nahmen wir gerade noch rechtzeitig unsere Plätze ein um das viel umjubelte 1:0 für die Gastgeber zu bestaunen. Und da war sie wieder, diese bohrende Frage, warum ein Teil von mir, aus Gründen, die man Außenstehenden nicht schlüssig erklären konnte, unbedingt ausgerechnet dieses Spiel sehen wollte? Okay, Schwamm drüber, schließlich war noch knapp 89 Minuten Zeit um das Spiel komplett zu drehen. Ein Blick in unschuldige Kinderaugen versicherte mir: Alles würde gut werden! Aber nichts wurde gut. Die Viererkette mit Krecidlo, Palikuca, Langeneke und Heeren schoß in einem einzigen Spiel mehr Böcke als ein amoklaufender Weidmann in einer ganzen Jagdsaison. Und wenn ich an die törichten Offensivbemühungen angeblich so namhafter Profis wie Jörg Albertz, Marcel Podszus, Ahmet Cebe und Markus Anfang zurückdenke, kriege ich noch Jahre später tranceartige Schübe. Das Ganze hatte was von fußballerischem Waterboarding. So war es nur eine Frage der Zeit bis die Heimmannschaft ihren Vorsprung ungehindert in für sie beruhigende Dimensionen schrauben konnte. Der 18-Jährige, spätere Weltmeister, Kevin Grosskreutz, hielt sich dabei mit dem 4:0 schadlos. Erst als alles verloren schien, lief es bei den Unseren plötzlich flüssiger und Anfang sorgte kurz vor Schluss für die kosmetische Ergebniskorrektur. So ist das eben: Wenn man sein Herz an die Fortuna verschenkt hat, kommt man anscheinend nicht umhin, sein Leben im dunklen und entbehrungsreichen Tal des Jammers zu fristen. Gelegentliche Erholungsausflüge mit emotionalen Erregungszuständen sind zwar inklusive, aber nur, um von dort noch härter auf die Talsohle der Realität zurückzuschlagen. Trotz besinnlicher Adventszeit, war mir auf dieser Auswärtsfahrt mal so richtig nach einem rot-weißen Wirbelsturm zumute gewesen. Doch statt einer zünftigen Ardennenoffensive marschierten mal wieder nur Armeen aus chloroformierten Gummibärchen. Statt dem geneigten Publikum einen hocherotischen Schlagabtausch zu bieten, erwies sich die launische Diva vom Rhein erneut total zugeknöpft und stockprüde obendrein. Folgerichtig gab es bei F95 zum Weihnachtsfeste das obligatorische, negative „Erfolgserlebnis“. Wir Fortunen waren als hungrige Tiger (Platz 2.) angereist um die Pussy Cats aus Ahlen, die auf einem lächerlichen 13.ten Platz rangierten, bei lebendigem Leib zu verspeisen. Doch unser Team hatte mal wieder gar nichts auf die Kette bekommen und während ich beim Verlassen der Tribüne noch ausgiebig mit Zufallsbekanntschaften die Leistung unserer Schmusekätzchen diskutierte, die doch sehr an die zweite Betriebsmannschaft der Sesamstraße erinnerte, verselbständigte sich mein 6-Jähriger Sohn innerhalb von Sekunden und ward fortan (für eine schier endlos scheinende Zeit) nicht mehr gesehen. Es ist wirklich kein schönes Gefühl, wenn in einem die nackte Panik hochsteigt angesichts eines - sich trotz leerenden Geländes - nicht auftauchenden Thronfolgers. Nachdem auch der Blick in die Glaskugel nicht half, wandte ich mich an Polizei und Ordnungskräfte, die sofort und äußerst hilfsbereit in alle Richtungen ausschwärmten. Wenig später kam ein Securitymensch Marke King Kong um die Ecke und trug meinen Sohn vor seinem stolz geschwellten Brustkorb her wie einst Christopher Lee seine Vampir-Ladies durch die Karpaten. Der Sohn wirkte ähnlich leblos wie kurz zuvor die Fortunen-Crew. Mir gefror das Blut in den Adern. Plötzlich eine Regung, ein erbärmlich verzweifeltes Quieken (ich meine zumindest „Papa“ herausgehört zu haben) und ein Sprung aus Kongs in meine Arme. Uff. Happy End. Doch noch. Und wo hatte sich der Filius rumgetrieben? Auf dem Ahlener Rasen, dem einzigen Ort, an dem ich ihn nicht gesucht hatte. Dieser Schlingel. Und nach dieser Nahtoderfahrung tat das 1:4 schon fast gar nicht mehr weh.

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Tag(s) : #Fortuna’s big horrow show
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