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Mittwoch, der 07.07.2010 - WM-Halbfinale: Deutschland-Spanien. Jugendlicher Stum und Drang gegen die europäischen (Weltmeister?) des Kurzpassspiels. Es gibt keinen Favoriten, knisternde Spannung liegt über dem Land. Wird der deutsche Weg zuende sein oder doch noch zum vierten Stern führen? Das alles ist zuviel für meine Nerven. Ich empfinde es als schreiende Ungerechtigkeit, dass mir nicht nur das Aussehen und die Unbekümmertheit der Jugend fehlt, sondern auch die Gelassenheit des Alters. Man steckt irgendwie in der Mitte des Lebens fest. Aber von Krise keine Spur. Die Vorhersage dieses tuntigen Tintenfisches Paul, der plötzlich ins Lager des Feindes übergelaufen ist, trägt auch nicht gerade zur Beruhigung bei. Einen gewissen Sachverstand kann man dem Vieh ja nicht absprechen. Glücklicherweise haben wir ein firmeneigenes Krakenorakel. Unsere Reinemachefrau tippt 3:1. Nachdem sie bereits mit ihren 4:2- (ENG) und 3:0-(ARG)-Vorhersagen für Furore gesorgt hat, bin ich bereit mein Leben in ihre Hände zu legen und Seaworld-Paulchen für's erste zu ignorieren. Trotz dieser kleinen Beruhigungspille setze ich - aus Selbstschutz - meinen Plan in die Tat um und verschwinde rechtzeitig zu Spielbeginn in den Wald an der Ratinger Stadtgrenze. Niemand kennt meinen genauen Aufenthaltsort. Ich fühle mich ein wenig wie ein lieber Bin Laden.
Zurück zur Natur
Als ich auf dem Parkplatz ankomme sind schon fünf Spielminuten verstrichen. Ich trau mich fast gar nicht die Autotür zu öffnen aus Angst bereits die ersten Olé-Espana-Rufe zu vernehmen. Aber hier unmittelbar in der Einflugschneise des Düsseldorfer Flughafens hört man nur das dröhnende Donnern der Jets. Also kann die Wanderung beginnen. Und da es bekanntlich so aus dem Wald herauschallt wie man hineinruft, entere ich den Kalkumer Stadtforst mit dem unvergessenen 80er-Jahre-Schlachtruf: "Im Finale, im Finale, im Finale - BRD!" Auf der Übersichtstafel studiere ich mit Pfadfindereifer das Terrain und entscheide mich für Lernpfad A, wie Argentinien. Keine 100 Meter später begegnet mir der erste Wandersman. Ein Typ wie ich: jung, sportlich, voller Schaffenskraft. Was macht der hier, wo doch Deutschland spielt? Wie krank ist das denn? Verunsichert von meinen musternden Blicken entscheidet er sich spontan ins Unterholz abzubiegen. Kurz darauf werde ich an den biologischen Zusammenhang zwischen Nervosität und Sextanerblase erinnert und schlage mich ebenfalls ins Dickicht. Das war knapp. Fast hätte ich auf einen bereits verblichenen Frosch getreten. Toter Frosch? War da nicht was? Genau! Damals, als die deutsche Sportjournaille das Teamquartier Grand Hotel Velmore inspizierte, ging die Story vom toten Frosch im Swimming Pool um die Welt. Ich werte das mal als Zeichen, weiß aber noch nicht wofür.
Ein Männlein sitzt im Walde...
Auf dem Spielplatz in der Überangermark unter Strommast AO16 M10 werde ich mein Quartier für die nächsten knapp zwei Stunden aufschlagen. Dort befindet sich praktischerweise gar ein Pavillion, der, wie es eine Inschrift verheißt, im Jahre 2002 erbaut wurde. Zerstört und repariert 10/2005 steht dort ergänzend zu lesen. Nun gut, das klingt ein wenig nach dem Auf und Ab der Rudi-Völler-Ära mit ihren Maltafüßen und riecht auch so. Wie ich das interpretieren soll, ist mir nicht ganz klar. Sei's drum. Ich hole die Malzbierflasche aus dem Rucksack und schlage ein spannendes Buch auf: "So weit die Füße tragen". Während darin Titelheld Clemes Forell mit den Tücken der sibirischen Wildnis und um sein Leben kämpft, erwarte ich selbiges von Mesut Özil im 10.000 Km entfernten Durban. Ganz versunken in die fesselnde Geschichte verpasse ich beinah die Halbzeitpause. Mein Blick schweift für eine Weile auf die mich umgebenden Wanderwege. Ständig brausen Radfahrer vorbei. Junge und ältere Pärchen wechseln sich in schöner Regelmäßigkeit ab mit Mountainbikern und Spaßradlern. Ich habe grade keinen Spaß. Ich suchte die Einsamkeit, aber hier ist ja mehr los als im Strafraum von Manuel Neuer - hoffe ich zumindest. Wenigstens kommt keiner dieser Feinrippunterhemdradler mit Radio im Körbchen vorbei. Ich versuche Blickkontakte zu vermeiden um nicht aus ihren Gesichtszügen Zwischenstände ablesen zu können.
"Nichts ist vorbei!"
22 Uhr, die Dämmerung setzt ein. Wenn nur diese nervigen Tiergeräusche nicht wären. Und diese verdammte frische Luft bringt mich noch um. Mittlerweile habe ich ein richtig mulmiges Gefühl was Jogi und Hansis Top Job am Indischen Ozean betrifft. Bloß nicht miserabel spielen UND verlieren. Das ist meine größte Befürchtung. Könnte die veröffentliche Meinung und die Gelegenheitsfußballinteressierten unsere Mannschaft dann trotzdem lieb haben? Oder geht das nur, wenn man als strahlender Sieger ins Finale einzieht bzw. heldenhaft scheitert? Würde ich twittern, dann wäre genau jetzt der Zeitpunkt gekommen, meinen Twitterfreunden mitzuteilen, dass ich "die Hosen gestrichen voll" habe. Was ich noch nicht wissen kann: "die deutschen Spieler auch!" Zwanzig Minuten später: Clemens Forell ist dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen, ich habe zusammengepackt und mein kleines Herzlein pochert wie wild. Wo bleibt die Nachricht vom beauftragten Ergebnisdienst? Das Spiel muss doch längst zuende sein. Ich spüre keine Verlängerung! Plötzlich eine sms vom Freund: "Geh nach Hause, es ist vorbei". Was soll das bedeuten? Kämpferisch wie John Rambo antworte ich: "Nichts ist vorbei!" und strebe dem Parkplatz entgegen. Das Handy fest umklammert, warte ich auf die befreiende sms von kicker.de. Es kann doch nur 3:0 für uns heißen. Schließlich hat das unsere Reinemachefrau prognostiziert. Und die muss es ja wissen. Über mich donnern die Flugzeuge hinweg. Keine Vuvuzela der Welt kommt gegen diesen infernalischen Lärm an. Gibt es eigentlich noch Spanair? Die würde ich jetzt mit bloßen Händen vom Himmel holen. Als 1986 im Finale das 2:3 gegen uns fiel habe ich vor Wut eine Babytanne ausgerissen. Bäume hat's ja hier genug im Wald, aber noch fehlt mir die nötige Aggressivität dafür. Noch glimmt die Hoffnung in mir unverbesserlichem Optimisten (aka Narr)!
22 Uhr 30 - Ich bin schuld!
Ich sitze wieder im Auto, mache das Radio an und sofort gefriert mir das Blut in den Adern. Antenne Düsseldorf bringt R.E.M.'s Beerdigungsschnulze Everybody hurts. Schluck! Das ist jetzt aber gar kein gutes Zeichen. Mit Kloß' im Hals fahr' ich los. Dann kommt endlich die sms und die fürchterliche Ahnung verdichtet sich zu grausamer Gewißheit. 0:1 verloren, Scheiße. Mein erster Gedanke: Trochowski hat's vermasselt. Wusste ich's doch. Ich muss Auto fahren. Konzentrier' Dich Cobra, Du hast zwei Kinder! Der Atem stockt, ich kann nicht mehr. An der nächsten Ampel bricht es aus mir heraus. Die Tränen rinnen über meine gut gebräunten Wangen. Ich ganz alleine habe versagt, und nehme alle Schuld auf mich. Drei mal habe ich beim besten Freund auf der Couch gesessen. Dabei konnten wir gemeinsam 12 deutsche Tore bejubeln. Dieses Mal habe ich ihm unter einem Vorwand abgesagt, irgendwas von Vaters Geburtstag gefaselt. Hätte ich nicht gekniffen sondern meine vaterländische Pflicht erfüllt, wären wir jetzt Weltmeister, spätestens Sonntag. So kann es gehen. Dabei wollte ich doch direkt vom Wald in die Altstadt durchstarten, mich kopfüber in die Nacht stürzen und mir mein Leben zurückholen. Daraus wird jetzt erstmal nichts. Vielleicht 2014!? Wie sieht das Leben dann mit 45 aus? Ich will es gar nicht wissen!
The Day after
Nach einer Nacht - überraschenderweise ohne Albträume - sinne ich auf Rache und suche Trost. Klar ist, dass Octo Paul sein eigenes Todesurteil unterschrieben hat. Wenn's heute in der Kantine keine Calamares gibt, wann dann? Ich erwarte für die Halbzeitpause des kleinen Finales die erste öffentlich-rechtlich übertragene Hinrichtung seit dem unrühmlichen Ende des rumänischen Diktators Nicolae Ceauşescu an Weihnachten 1989. Und ich erwarte sie "live", "in Farbe" (Ceauşescus war in black and white) und mit "Slow-Mo (Superzeitlupe)". Sonst stelle ich alle Gebührenzahlungen sofort ein. Trost finde ich in meinen Gebeten für die vielen pakistanischen Kleinkinder, die jetzt nicht mehr nur keine Jabulani-Bälle mehr kleben müssen sondern denen auch die Akkordarbeit an den arbeitsrechtlich bedenklichen Produktionsmaschinen der Baby-Kaschmir-Pullis von Strenesse erspart bleibt. Jogis V-Neck hat als Glücksbringer ausgedient, modisch war er sowieso nicht zum Trendsetter geeignet.
Als leere Hülle zur Arbeit
Donnerstag morgen, 9 Uhr: ich fühl mich leer und verbraucht. Alles tut mir weh, aber ich muss jetzt sehr tapfer sein, denn das monatl. Meeting steht an. Grauenhafte Folter erwartet mich ebenso wie eine brutale Zwickmühle: Komme ich nur eine Sekunde zu früh, muss ich dem furchtbaren Expertengewäsch der weiblichen Belegschaft zuhören. Komme ich zu spät, wird meinem Chef auffallen, dass ich nur in Bermuda-Shorts zur Arbeit gehe. Ich bin pünktlich, aber kaum sitze ich auf meinem Platz, höre ich die Kollegin schon sagen: "Was für ein schönes Spiel! Schade, aber wenn man ehrlich ist, hat der Bessere gewonnen." Mein Kopf saust ungebremst Richtung Tischplatte, schlägt mit einem dumpfen Geräusch auf und bleibt dort für die nächste Stunde liegen. Zum Glück hat keiner gesagt, "Ist doch nur ein Spiel". Dann wär' Blut geflossen. Aber nicht meins.
Sturm und Drang statt Schildkröte
Ex-Bundesliga-Star und Spanien-Legionär, Gerhard Poschner, hatte empfohlen, die Spanier "nicht spielen zu lassen". Man müsse ihnen den Ball wegnehmen. Vor diesem korrekten Denkansatz habe ich die taktische Einstellung unserer Elf erst recht nicht verstanden. Warum diese vorsichtige, ja ängstliche Defensivtaktik? Warum haben wir uns freiwillig unserer eigenen Stärken beraubt? An welcher Stelle waren Selbstbewußtsein und Mut abhanden gekommen? Wir hatten doch unser Ziel schon erreicht, nichts zu verlieren. Angst ist bekanntlich immer der falsche Ratgeber und so hätten wir weiterhin versuchen sollen, sie zu überrollen. Ihnen die Spielanteile zu überlassen und sich in einer Formation Schildkröte zu verstecken, war ein Riesenfehler. Ein Rückschritt des zuletzt über den grünen Klee gelobten Trainerteams. Gegen Uruguay wünsche ich mir ein Comeback des Spaßfussballs Marke Thomas Müller und ein flottes Spiel unserer Jungs. Der letzte Eindruck bleibt haften und 2006 war das schöne Spiel gegen Portugal ein feiner Trost für den entgangenen Titel bei der Heim-WM.
Drei Affen
Bis dahin mach' ich es wie die drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Den bitteren Saft der Niederlage nicht auch noch schmecken müssen. Ausgerechnet Spanien! Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich gegen niemanden ungerner verliere als gegen die arroganten Iberer, die sich neuerdings wie die Erfinder des Fußballs schlechthin gerieren. Jetzt schon das zweite Mal hintereinander. Seit 2008 habe ich erfolgreich die Existenz dieses Landes geleugnet. Die Wunden schienen fast verheilt. Meinem insistierenden Sohn, der meinte sich an eine 0:1-Niederlage gegen das Land, das nicht sein darf, erinnern zu können, habe ich immer geantwortet: "Da verwechselst Du was. Deutschland hat noch nie und wird niemals gegen Spanien verlieren. Höchstens im Eishockey. Außerdem existiert gar kein Spanien!" Jetzt wird er wieder fragen. Was soll ich dem armen Jungen nur antworten? Das Finale jedenfalls wird erstmals seit 1970 ohne mich stattfinden, das ist sicher. Bestenfalls schicke ich meine Zweitbesetzung ins Rennen. Und die wird zu Holland halten, aber nur dieses eine Mal.
Die Zukunft
Hartnäckig hatte ich mich geweigert vor dem 11.07. eigene Zukunftspläne zu schmieden. Wollte nur von Tag zu Tag, äh Spiel zu Spiel denken. Das ist jetzt vorbei. Jetzt muss ich Farbe bekennen. Vielleicht habe ich eine Zukunft als Enthüllungsjournalist oder Finanzpolitiker. Beim Dopingarzt Dr. Fuentes liegen doch bestimmt noch Blutbeutel mit der leicht zu dechiffrierenden Aufschrift Tiqui-Taca oder einem offensichtlichen Puyol rum. Es müsste nur mal einer nachsehen. Und wenn das Land der Unaussprechlichen dem Bankrott anheim fällt, wimmernd am Boden liegt und in Berlin um Mrd-Bürgschaften bettelt. Tja, dann werde ich Fußballkanzlerin Merkel raten, ein Exempel zu statuieren und dem Pleitekandidaten eine harte Roßkur zu verordnen. Schließlich hat keiner die Südländer gezwungen so verschwenderisch zu leben als gäbe es kein manjana und mit Staatsknete die Mißwirtschaft von Real, Barca & Co. zu vertuschen. Dann entweicht die heiße Luft aus dem Land und es wird vorbei sein mit ihrer Dominanz in vielen Ballsportarten. Darauf freu' ich mich schon heute...
Der Blog
Dies war der letzte Blog während die WM 2010, aber keine Sorge. Zur neuen Saison werde ich sowohl die Fortuna, wie auch unsere Nationalelf weiter mit Gefühl und Enthusiasmus begleiten. Es hat sehr viel Spaß gemacht und ich möchte Danke sagen: Danke, liebe Leser, dass ihr mir Eure Zeit geschenkt habt. Danke an meine Söhne Nici und Roman für die Inspiration. Und last but not least, ein herzliches Danke Schön, an Nicis Ex-Betreuerin, Claudia Recht, die mich am 10. Juni mit der simplen Frage "Was ist jetzt mit Deinem WM-Blog?" erst dazu motiviert hat, meinen Ankündigungen Taten folgen zu lassen. Danke, Danke, Danke und bis bald.
Euer Dirk