Der Weg nach Sydney führt nur über Ratingen. Denn das diesjährige Mehrkampf-Meeting am 22./23. Juli ist für Deutschlands „Könige“ und „Königinnen der Leichtathletik“ die einzige Möglichkeit sich für die Olympischen Spiele 2000 zu qualifizieren. Die drei Erstplazierten der Zehn- und Siebenkampf-Konkurrenzen fahren nach Australien, sofern sie noch zusätzlich die Olympianorm des Deutschen-Leichtathletik-Verbandes (DLV) erfüllen. Diese liegt bei 8180 bzw. 6250 Punkten. Einen Bonus für frühere Erfolge gibt es nicht.
Amerika blickt nach Ratingen
Das Meeting wird vom DLV und dem TV Ratingen bereits zum vierten Mal gemeinsam ausgerichtet und ist damit auf dem besten Wege zu einer Traditionsveranstaltung. Für DLV-Vizepräsident Theo Rous gehört Ratingen zu den wichtigsten Veranstaltungen: „Das Meeting hat sich am eindruckvollsten entwickelt. Es übt eine ungeheure Wirkung auf die Zuschauer und die Athleten aus.“ Mehrkampfbundestrainer Claus Marek behauptet sogar, daß man in Amerika nur noch Ratingen sagt, wenn man Mehrkampf meint: „Ratingen ist der Inbegriff des Mehrkampfs. Es gibt außer den Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen kein wichtigeres Meeting.“ Einmal im Überschwang definiert Marek seine sportlichen Ziele für Sydney: Ich wünsche mir in beiden Disziplinen mit je drei deutschen Athleten unter die ersten Zehn zu kommen.“
Das die Veranstaltung von Jahr zu Jahr an Profil gewonnen hat, ist vor allem der Verdienst des Gastgebers TV Ratingen. Der TVR unternimmt alle Anstrengungen um optimale Voraussetzungen zu schaffen. 200 Helfer sorgen nicht nur für einen reibungslosen Ablauf der beiden Wettkampftage sondern auch für eine entspannte Atmosphäre. Während sportbegeisterte Eltern das Geschehen im Stadion oder auf der 34 qm großen Videowand verfolgen, können sich ihre Kinder in der Obhut von Freizeitgestaltern austoben. Dem Verein gelang es einen Sponsorenpool zu bilden um den Etat von 400.000 DM zu decken. Nach 12.000 Zuschauern im Vorjahr, rechnen die Organisatoren diesmal mit 14.000 Fans. Einer für wahr gleichermaßen imposanten wie stimmungsvollen Kulisse. Bei verschiedenen Disziplinen dürfen sich die Zuschauer auf dem Stadionrasen versammeln, was von den Athleten begrüßt wird. Durch diese Einbeziehung entsteht eine unvergleichliche Interaktion zwischen Sportlern und Fans, die den besonderen familiären Charakter des Meetings ausmacht.
Weltklassesport
Was dem fachkundigen Publikum am 22./23. Juli im Stadion geboten wird, ist sensationell. Im Siebenkampf der Frauen und Zehnkampf der Männer wird zwei Tage lang absoluter Weltklassesport zu sehen sein. Ratingen gehört zum elitären Kreis von nur vier Mehrkampf-Meetings 2000 des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, bei denen es Grand-Prix-Punkte zu gewinnen gibt. Deshalb könnte die vollzählige deutsche Mehrkämpferelite um jeweils bis zu vier internationale Stars ergänzt werden. Die syrische Olympiasiegern von 1996, Ghada Shouaa, und der tschechische Spitzenathlet Thomas Dvorak stehen ganz oben auf der Einladungsliste. Favorisiert bei den deutschen Siebenkämpferinnen ist die Vorjahressiegern Sabine Braun. Die zweimalige Weltmeisterin biegt gelassen auf die Zielgerade ihrer Karriere ein: „Erst will ich mich qualifizieren und dann in Sydney eine Medaille gewinnen. Was danach passiert, ob ich Schluß mache oder noch ein Jahr dranhänge, lasse ich völlig offen.“ Sabine Braun besitzt nach der Trennung von ihrer langjährigen Trainerin Gertrud Schäfer verstärkten Ehrgeiz, noch einmal in die absolute Weltspitze zurückzukehren. „Ich habe jetzt ein Trainertrio um mich, das mich sehr motiviert und aus meiner Lethargie herausgeholt hat.“ In Sevilla, bei der WM 99, hat sie Platz drei nur hauchdünn verpasst. Die Chancen ihre Ziele zu erreichen stehen gut, da es derzeit international an überragenden Athletinnen fehlt. Aber auch im eigenen Lager mangelt es an ernsthaften Herausforderinnen. Neben Braun werden Karin Ertl und Mona Steigauf die besten Chancen für eine Olympia-Fahrkarte eingeräumt.
Deutschlands Männer-Hoffnung für Sydney, Frank Busemann, der 97 und 99 in Ratingen triumphierte, startet voller Ehrgeiz in den Olympischen Sommer: „Ich möchte den Erfolg von Atlanta wiederholen.“ Für Ratingen peilt er eine neue persönliche Bestleistung an. Seine bisherige liegt bei 8706 Punkten und stammt vom Olympischen Zehnkampf 1996. „Ratingen ist ein richtig gutes Mehrkampf-Meeting. Die Organisation stimmt, die Athleten fühlen sich hier wohl. Wenn man hier seine Punkte nicht macht, ist man selber schuld. Bis zu 300 Punkte kann das Publikum herauskitzeln.“ Für Busemann im letzten Jahr ein Grund sich im Namen aller Athleten bei den Zuschauern zu bedanken: „Die phantastische Stimmung hat uns getragen und getrieben. Nur deshalb konnten die Athleten überdurchschnittliche Leistungen erbringen.“ Selbst die ansonsten eher zurückhaltende Sabine Braun forderte 1999 das Publikum dazu auf, sie mit rhythmischem Klatschen zu unterstützen. Da staunten die Konkurrentinnen: „Das hat sie zum ersten Mal gemacht.“
Der Traum von einem Hemd
Für Klaus Isekenmeier, den Sieger von 1998, steht schon fest, was er sich neben der Qualifikation von den Organisatoren erhofft: „Für dieses Jahr wünsche ich mir ein Hemd, da mir in den letzten beiden Jahren jeweils Manschettenknöpfe kredenzt wurden. Hinter Busemann und Isekenmeier, lauert stellvertretend für den talentierten Nachwuchs der 24-Jährige David Mewes, Dritter des Vorjahres mit 8107 Punkten. Er gilt als akribischer Arbeiter, der gerade durch Konkurrenzsituationen richtig motiviert wird. Gespannt sein darf man auf Lokalmatador Paul Meier. Den beliebten WM-Dritten von 1993 verfolgt eine einzigartige Leidensgeschichte. Seit fünf Jahren konnte er keinen Zehnkampf mehr beenden. Dennoch blickt er Sydney optimistisch entgegen: „Es ist ein Traum, dem ich alles unterordne. Ich denke nicht ans aufgeben. Der Kopf gehört auch zum Körper, und der sagt mir immer, ich will noch.“ Sollte Meier einen erneuten Rückschlag erleiden, wird er, wie im Vorjahr, in witziger und kompetenter Weise als Moderator durch die Veranstaltung führen. Für ihn sicherlich nur ein schwacher Trost.
Zuständig für die Vermarktung ist der Ex-800-Meter-Weltmeister Willi Wülbeck, der die wahrscheinlich bislang einzige organisatorische Panne zu verantworten hat. Wülbeck hat im ersten Jahr vergessen die Schecks für die ausgelobten Siegprämien der Sportler zu unterschreiben. Einer nach dem anderen der mangels Unterschrift nicht einlösbaren Schecks trudelte wieder beim TVR ein. Heute schmunzeln alle Beteiligten über diesen Faux Pas.
Auch in diesem Jahr werden ARD, ZDF und zahlreiche andere Pressevertreter ausgiebig über die Ereignisse berichten. Die Wettkämpfe beginnen Samstag morgens um 10:30 mit dem 100 Meter Lauf der Männer. Der finale 1500 Meter Lauf der Zehnkämpfer beschließt am Sonntag um 17:00 Uhr zumindest den sportlichen Teil der Veranstaltung. Die Zukunft des Standortes Ratingen scheint gesichert. DLV-Präsident Prof. Helmut Digel: „Ich sehe keinen Grund, lange darüber nachzudenken, ob wir hier weitermachen oder nicht. Wir werden auch nach dem Jahr 2000 in Ratingen antreten.“ Die Macher des TVR werden diese Worte wohlwollend zur Kenntnis nehmen.
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