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Meine ganz persönliche Liebeserklärung an die Glanzzeit des legendären aktuellen sportstudios (Teil VI – Strange, but true) 

 

Dass der Massengeschmack-taugliche Humor in der BRD der 70er äußerst bieder daherkam, spiegelte sich nicht zuletzt im Sportstudio wider. So galt es schon als Hochamt des Humors, wenn Synchronsprecher Rainer Brandt (→ Die Zwei) den Trainern schnoddrige und schlüpfrige Dialoge in den Mund legte. Für Dieter Kürten waren das gar „Brandts zwerchfellerschütternde Trainerbankstudien.“ Nun gut, Kürtens Meinung muss man nicht teilen, dennoch lieferte das sportstudio allerlei Kuriositäten ab.

So äußerte Josef „Peppi“ Hickersberger nach der Pokalfinalniederlage 1978 seiner Düsseldorfer Fortuna gegen den 1. FC Köln vor laufender Kamera den Wunsch: „Ich möchte mir wie Kunta Kinte den Fuß abhacken (→ Roots), weil ich Gerd Zewes gute Zuspiele nicht verwerten konnte.“ Politisch inkorrekter ging es wohl selten zu, aber Österreicher in der Bundesliga genossen ja bekanntlich von Haus aus Narrenfreiheit.

Allwöchentlich steht bis heute die legendäre Torwand im Blickpunkt (→ Drei oben, drei unten). Selten aber so kurios wie am 31. Mai 1979. Der damals 18-Jährige Hochsprung-Juniorenweltrekordler Dietmar Mögenburg schoß zunächst auf die Torwand, traf einmal und floppte dann ohne mit der Wimper zu zucken über selbige drüber.

1980 beim ersten Titelgewinn des FC Bayern seit 1974 kam es bei den anschließenden Feierlichkeiten zu allerhand Kuriositäten. Nach dem abschließenden Heimerfolg (→ 2:1 gegen Eintracht Braunschweig) ging erst mal ein Tor auf Wanderschaft. ZDF-Mann Rolf Kramer kommentierte staunend: „Ich habe so etwas noch nie gesehen.“ Die Stadiontotale zeigte zunächst, wie die Fans ein komplettes Tor aus der Verankerung rissen und davontrugen. Danach widmete sich der Bericht der feiernden Mannschaft um Minuten später zu zeigen wie eben selbiges Tor 100 Meter weiter auf einmal von den ausgestreckten Armen der Menschentraube in der Südkurve durchgereicht wurde bis es aus dem Stadion verschwand. Ein konsternierter Kramer herzu: „Und das Tor… Es gibt halt auch ungewöhnliche Souvenirs. Wo es am Ende geblieben ist, man müsste einmal morgen nachforschen.“ Noch launiger wurde es als die Starspieler später von der Meisterfeier ins Studio geschaltet wurden. Dort saßen doch tatsächlich die Führungsspieler Paul Breitner und Karl Heinz Rummenigge in krachledernen Trachtenhosen breitbeinig auf den Schößen von Präsident Willi O. Hoffmann (KHR) bzw. Trainer Pal Czernai (PB). Während Breitner seine Hände mit Champagnerglas und Zigarre beschäftigte spielte Czernais linke Hand unentwegt halb massierend, halb streichelnd zärtlich an Breitners Nacken bzw. Löwenmähne herum. Sensationell. Während Harry Valériens kritischer Frage an FCB-Präsident Hoffmann: „Sie haben ja im Juni noch 2,3 Mio DM Steuerschulden zurückzuzahlen“, schrie Rummenigge aus dem „off“: „Lächerliche Summe“ (→ Mia san mia). Danach wurde noch zum „Vize“ HSV ins Hotel Atlantic geschaltet. Die Hamburger hatten im Saisonfinish nicht nur die Meisterschaft sondern auch den Europacup (im Madrider Finale gegen Nottingham) verloren. Daraufhin kam es zum Eklat. Der Mannschaft wurde in Madrid nach dem verlorenen Finale untersagt zusammen mit den Spielerfrauen bis in den frühen Morgen zu feiern und zu trinken. Trainer Branko Zebec legte Wert darauf, dass die Spieler in einer einigermaßen vernünftigen Verfassung das Saisonabschlussspiel gegen Schalke bestreiten würden: „Ich trainiere nicht mit Alkoholikern!“ (→ Selbstironie?). Einen Tag später beschwerte sich das Team darüber vor laufender Kamera. Der darüber erzürnte HSV-Präsident Wolfgang Klein (→ 7,90 Meter) hoffte, „dass die Spieler geläutert aus den Ferien zurückkämen.“ Kevin Keegan (→ Mighty Mouse) sah das alles ganz anders: „Das Verhalten seitens des Vereins war unmenschlich. Ein gutes Verhältnis zu diesem Trainer gibt es nicht, aber ich habe ihn immer verstanden. Das Problem war WIE die Frauen weggeschickt worden sind. Wir haben das ganze Jahr hart gearbeitet.“

Im Jahr zuvor hing der HSV-Himmel noch voller Geigen. Nach dem vorzeitigen Gewinn des Titels 1978/79 besuchte eine HSV-Entourage bestehend aus Keegan, Nogly, Zebec und Netzer das Sportstudio und Kevin durfte seinen Hit „Head over Heals in love“ trällern. Dabei suchte er sich eine flotte Mittsechzigerin im Publikum aus, setzte sich ihre getönte Alice-Schwarzer-Brille auf bevor er sich auf ihrem Schoß niederließ. Zuvor erheiterte er die Zuschauer mit seiner Replik auf Dieter Kürtens Bemerkung: „Wir trinken doch alle manchmal ein großes Bier.“ Antwort Keagan: „Sehr manchmal.“

Bayern-Präsident Willi O. Hoffmann gab 1983 bereitwillig Auskunft darüber, wie er zu seinem Spitznamen „Champagner-Willi“ kam: „Als ich 1979 Präsident wurde, sagte ich zur Mannschaft: Kommt, jetzt trinken wir mal ein Glas Champagner. Woraufhin ein Journalist, der wegen eines Interviews kam, mich ganz beiläufig fragte, ob es mich störte, wenn man mich Champagner-Willi nennen würde. Nein, das würde mich eigentlich nicht stören und am nächsten Tag stand in einer berühmten Boulevardzeitung in dicksten Lettern: Champagner-Willi. Und seitdem habe ich diesen Namen weg. Allerdings trinke ich nicht mehr oder weniger Champagner oder Sekt als andere.“ Moderator Bernd Heller war das nicht genug – er bohrte nach: „Sie sind eine Frohnatur, ein echter Münchener und passen gut in die Landschaft. Sie haben leichtes Übergewicht. Das steht ihnen sehr gut, das darf ich sagen. Willi O.: „In Bayern sagt man: „Ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel und das will ich auf keinen Fall sein.“ Touché!

BL-Schiedsrichter Barmann wurde wegen Spielerbeleidigung für 6 Wochen gesperrt. Er soll - was er übrigens bestreitet - zu einem Lüttringhauser Akteur gesagt haben: „Halt jetzt die Fresse, sonst schmeiß‘ ich Dich raus!“ Und im selben Spiel zu einem anderen: „Halt die Schnauze, Du Esel.“ Barmann ist damit als Wiederholungstäter auffällig geworden (→ Der Unbelehrbare). 1974 brachte ihm die Schmähung „Hände weg, Du alter Dreckspatz!“ Richtung Jürgen Grabowski (→ Eintracht-Legende) vier Wochen Sperre ein.

In Zeiten ohne Digitalität aber mit Rekordwintern mussten sich noch mutige Motorradkuriere tapfer durch Eis und Schnee kämpfen um die Spielberichte rechtzeitig aus den Stadien nach Mainz zum ZDF zu bringen. Am 20. Januar 1979 trotzte der Kurier, aus Nürnberg kommend (→ FCN - VFB Stuttgart 1:0), den Elementen, aber alles vergeblich. Er kam zwar durch, aber so spät, dass sein Beitrag in der Sendung nicht mehr gezeigt werden konnte. Zum Trost durfte er zu Skihaserl Christa Kinshöfer ins aufgebaute Alpenstüberl. Was genau da vor sich ging, war zum Glück auch nicht zu sehen.

Am 10. März 1979 haben Herr Peter Janssens und sein Gesangsorchester mit dem ASS-Publikum das Lied vom „Herrn Uklatsch“ einstudiert. Da wurden die ansonsten stocksteifen Zuschauer zu absurdesten Bewegungen genötigt (→ „von vorne nach hinten, von links nach rechts“). Und das alles zu Beginn der Sendung, so dass das unter Entzugserscheinungen leidende TV-Publikum sich erst den Mitbegründer des Sacro-Pops antun musste, bevor es den ersten vollständigen Bundesliga-Spieltag seit dem 25. November 1978 (→ Jahrhundertwinter) genießen konnte.

Eine Woche darauf begann die Sendung sogar mit einer halbstündigen Schalte zu einer Weltmeisterschaft nach Wien und war Beleg dafür, dass das ZDF seine Zuseher gerne qualvoll auf die Folter (→ Amnesty International) spannte. O-Ton HaJo Friedrichs: „Das hat mit einer Sportart zu tun, von der wir wissen, dass sie bei Ihnen, unseren Zuschauern, beliebter ist als fast jede andere, ich meine den Eiskunstlauf!“

Rennfahrer Walter Röhrl wurde am 28. Januar 1984 vor Ort interviewt als er zum vierten Male die Rallye Monte Carlo gewonnen hatte. Gewohnt auskunftsfreudig und charmant im oberbayrischem Akzent. Dabei wurde er nur kurz durch die Gratulationen der internationalen Konkurrenz unterbrochen: „Thank you, Arne“ und fuhr prompt das Interview mit dem ZDF-Team anschließend in blitzsauberem Englisch fort: „I don’t like to take too much risk.“ Es dauerte ein paar Sätze, die an versteckte Kamera erinnerten, bis er sich seines Irrtums bewusst wurde und zu seiner Muttersprache zurückfand.  

Das Schalker Juwel, Olaf Thon (→Professor), berichtete am 15. März 1986 über das vermeintliche Geheimrezept der deutschen Daviscup-Crew, die in Mittelamerika – im Gegensatz zu den Fussballern auf deren Visite im Jahr zuvor – nicht mit Magenproblemen zu kämpfen hatten: „Vielleicht haben die (Tennisspieler) kein Eis getrunken, oder so was! Eis mit Cola.“ Bernd Heller mit sehr vielen Fragezeichen in Gesicht und Stimme: „Eis mit Cola?“ „Ja, das sollte man in Mexico und solchen Ländern in keinem Fall machen“, empfahl der polyglotte 19-Jährige Gelsenkirchener.

Spieltagskommentator Wolfram Esser nach Fortunas unvergessenen „Husarenritt“ bei den Bayern (3:2) am 08. März 1986: „Sollte die Fortuna drin bleiben, dann müssen sich ihre Zuschauer, ihre Schlachtenbummler gewaltig ändern. Was da heute einige unter 350 angestellt haben - schon auf der Anreise Schlägereien, Diebstähle in München, Polizei, Tränengas, Verletzte! So kann es nicht weitergehen. Betrübliche Begleiter einer erfolgreichen Mannschaft.“

Wenn es dereinst eine Hall of Fame für Fernsehsendungen oder ein TV-Museum geben sollte, gehören zwei Studios aus den 80ern unbestritten dazu.

Der 07. Juli 1985 markierte den Startpunkt der Boris-Becker-Mania in Deutschland. Eine Woche nach seinem Sieg über Kevin Curren im Wimbledon-Finale spielte eine komplette Republik inklusive befreundetem Ausland verrückt. Der Wahnsinn begann damit, dass im Vorspann zehn Jungs, unter ihnen die spätere Weltklassespielerin Anke Huber, zur unvermeidlichen Bum-Bum-Becker-Melodie den Becker-Hecht nachahmten. Nachdem sich der Zirkus etwas gelegt und auch der Meister ein paar salbende Worte gesprochen hatte, wurde beiläufig bekannt gegeben, dass sich zum ersten Mal in der damals 22-Jährigen Geschichte des Sportstudios der amtierende Bundespräsident die Ehre gegeben hat, in diesem Falle der große Richard von Weizsäcker. Im Gespräch mit Harry Valérien hat Boris teilweise hanebüchenden Blödsinn von sich gegeben (→ „Wie es sich als Wimbledon-Sieger lebt? Also ich hab noch zwei Augen und zwei Ohren, wie vorher.“) und trotzdem das Publikum zu orkanartigen Beifallsstürmen hingerissen (→ Standing Ovations). Sogar Altmeister Valérien hielt immer wieder inne und sezierte die Aussagen des Leimeners (→ 17): „Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen.“ Währenddessen schien sich kaum einer für die wohl formulierten, vor Intelligenz und menschlich-sozialer Kompetenz strotzenden Aussagen des Freiherrn von Weizsäcker zu interessieren. Die Erklärung des Präsidenten warum er Boris Becker ein Glückwunschtelegramm geschickt habe, stellte beinah noch seine Rede zum 08. Mai, dem Tag der Befreiung, in den Schatten. Fand der Beginn der Trivialisierung des Fernsehens also doch im öffentlich-rechtlichen Bereich und nicht bei RTL & Co. statt? Fast scheint es so. Noch ein Beispiel dafür lieferte Altmeister Harry Valérien persönlich: „Immer, wenn man gedacht hat, jetzt ist er draußen, waren Sie da. Was ging da in Ihnen vor?“ Überraschend knappe Antwort von Becker: „Ich glaub‘, das Geheimnis ist, dass gar nichts vorgeht!“ Valérien total entrückt: „Das find ich auch wieder so einen unheimlich irren Satz - dass gar nichts vorgeht! Wenn man soweit ist, ist man fast weise.“

Das andere epische Sportstudio war natürlich das mit dem Showdown zwischen Jupp Heynckes und Uli Hoeneß einerseits sowie Christoph Daum (→ CD) und Udo Lattek auf der anderen Seite am 20. Mai 1989. Hervorragend moderiert von einem brillanten Bernd Heller, der den Kontrahenten die lange Leine gelassen hat. Nur so konnten Sätze wie: „Um das Maß an Selbstüberschätzung zu erreichen, das Du an den Tag legst, muss ich hundert Jahre alt werden“ (→ Uli H.) herauskommen und die Zuschauer letztendlich das Lied „Zieht den Bayern die Lederhose aus“ anstimmen lassen. Gab’s dafür eigentlich den Grimme-Preis?

Fazit: Beim Aktuellen Sportstudio meiner Kindheit hat eindeutig die gute Seite der Macht gesiegt. Die Studios waren meine Inseln in einem Ozean der Schwäche.

 

Tag(s) : #Fußball pur!
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