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Meine ganz persönliche Liebeserklärung an die Glanzzeit des legendären aktuellen sportstudios (Teil III - Die Spielberichte)

 

In seinem Kerngeschäft berichtet Sportstudio – zumindest nach Aussage von Kultkommentator Günter-Peter Ploog - gerne über Randgeschichten und Hintergründe der Fußball-Bundesliga. Gut, dass er das mal erwähnt hat. Hierbei handelt es sich nämlich über genau das Alleinstellungsmerkmal des Studios, das es über Jahrzehnte so einzigartig gemacht hat. Dass Ploog jederzeit bereit war diesem Credo Leben einzuhauchen, bewies er am 08. Mai 1982 mit seiner Metapher über einen Zweikampf zwischen den Nationalkickern Karl-Heinz Förster und Rummenigge (→ FCB-VFB Stuttgart 1:0): „Die Aufgabe eines Försters ist die Hege und Pflege des Wildes.“ Noch Fragen?

Ploog & Co. haben auch einen journalistischen Auftrag, den sie seriös wahrnehmen müssen, nicht zuletzt um das Geschehene für vergessliche Spieler zu dokumentieren. Am 24. September 1983 verwandelte Winfried Hannes in seinem 200. BL-Spiel einen Elfmeter für Gladbach zum 2:1 gegen den 1. FC Köln. H.-G-Ploog dazu sachlich, aber bestimmt: „Ein Tor, von dem er wegen einer kurz zuvor erlittenen Gehirnerschütterung nichts mitbekam. Von dem ihm seine Kameraden in der Halbzeit erzählen mussten.“

Wie schnelllebig das Fussballgeschäft auch Anfang der 80er Jahre schon war, belegt Ploogs Schwärmerei vom Oktober 1983: „Es gibt nur wenige Mannschaften in der Bundesliga, bei denen das Zuschauen noch Spaß macht. Eine davon ist Fortuna Düsseldorf. Und die Düsseldorfer entdecken ihre alte Liebe wieder neu. Samstags Fortuna, was sonst? lautet das Motto“, von dem nur sechs Monate später nach rasanter Talfahrt für die folgenden 29 Jahre nahezu niemand mehr was wissen wollte! 

Wenn man einen beliebigen Tag im Leben oder in der Geschichte wiedererleben könnte, wäre ich gerne am 29. November 1974 im Bochumer Ruhrstadion dabei gewesen als der VfL den gar nicht mehr so weltmeisterlichen FC Bayern 3:0 sezierte. An meiner kognitiven Träumerei ist nicht zuletzt Harald Clausens Einleitungssatz schuld: „Das Bochumer Stadion war zum ersten Mal seit sechs Jahren mit 34.000 Zuschauern ausverkauft. An der Castroper Straße herrschte Karnevalsstimmung. Ein neunjähriger Junge musste mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden.“ Da war also einiges los.

Ebenfalls aus Bochum stammt einer meiner absoluten Lieblingszenen. Die meisten Spielberichte der frühen ASS-Folgen wurden ohne Ton ausgeliefert. Beim Spiel des VFL gegen die Düsseldorfer Fortuna am 11. November 1972 zeigten die Kameras für einen kurzen Augenblick Tumulte auf den Rängen. Unmittelbar danach wird ein Fortuna-Fan von vier Polizisten in einer für den Delinquenten sehr ungemütlichen Pose, und zwar bäuchlings, durch’s Bild getragen, als wenn er auf dem Weg zu seiner eigenen Vierteilung wäre. Hier vermisse ich den Kommentator, der wohl nicht umhin kam, das bildschöne, tiefe Einblicke gewährende Dachdeckerdekolletee des vermeintlichen Rowdies zu erwähnen?

Völlig parteiisch kommentierte der junge Rolf Töpperwien eine der kuriosesten Vorfälle der 70er Jahre. Am ersten Spieltag der Saison 1977/78, beim Braunschweiger Gastspiel auf dem Betzenberg, streckte der Schiedsrichter Werner Burgers (→ VFL Sportfreunde Essen) den heranstürmenden und gegen eine Elfmeterentscheidung protestierenden Rainer Hollman mit einem Ellbogenschlag gegen den Kehlkopf nieder, woraufhin dieser erst im Krankenhaus wieder erwachte und sich an rein gar nichts erinnern konnte. Sein aufgebrachter Teamkamerad Paul Breitner sprach bei seinem durchwachsenen Deutschland-Comeback Eintracht-B-Fan Töpperwien Worte des Entsetzens ins Mikro: „Ich habe nicht gewusst, dass die Schiedsrichter in Deutschland die Spieler irgendeiner Mannschaft k.o. schlagen. Das wird Folgen haben.“ Dieter Kürten kommentierte die Ereignisse anschließend nur lakonisch: „Das kommt der Meldung nah: Mann beißt Hund.“

Der selbsternannte Harzer Enthüllungsjounalist Rolf Töpperwien war auch am 15. März 1986 in einer seiner gefürchteten Missionen unterwegs. In der Pressekonferenz nach dem Spiel Waldhof Mannheim – FC Bayern (→ 0:4) befragte er Udo Lattek zu dessem persönlichen Verhältnis zu Klaus Schlappner (→ Ex-NPD-Mitglied). Er, Töpperwien, habe gesehen, dass es zwischen den Trainern eigentlich recht locker und jovial zuging, was im krassen Widerspruch zu dem stehen würde, was die bis dahin noch nicht als Fußball-Fachmagazin auffällig gewordene Hörzu in ihrer aktuellen Ausgabe als vermeintliches Lattek-Zitat publiziere. Töpperwien kramte einen runden Bierdeckel hervor und las stilecht davon ab: „Diese Biertischmaschine kann doch keiner mehr ernst nehmen. Haben sie das wirklich gesagt?“ Lattek: „Nein, das ist eine glatte Lüge! Erstens – Biertischmaschine, den Ausdruck höre ich heute zum ersten Mal und zweitens habe ich zu Klaus ein ausgezeichnetes Verhältnis.“ Töpperwien ganz schmusig-kreativ: „Muss man das nicht in Form eines Leserbriefes ausräumen? Das ist ja unmöglich, wenn das nicht stimmt.“ Am Ende lagen sich Schlappi und Udo in den Armen und die ihre Männerfreundschaft hatte ihre erste Bewährungsprobe mit Bravour bestanden.

Nur im Nährboden des Sportstudios konnte ein großartiger Zyniker wie der viel zu früh verstorbene Michael Palme gedeihen: „Es begann mit einer faustdicken Überraschung: beide Mannschaften wollten gewinnen“ oder „Auswärtssiege sind in der Bundesliga genau so selten wie Heimniederlagen“ sind nur zwei seiner oft kopierten aber nie erreichten philosophischen Einlassungen. Trotzdem standen ihm viele seiner Kollegen in Sachen subtiler Kritik des Fussball-„Geschäfts“ kaum nach. Hier stellvertretend dafür einige viel versprechende Beispiele:

Oskar Wark über die Bayern (10. März 1979): „Ein Klub, der immer noch mit Millionen um sich werfen möchte, wenn irgendwo ein Talent zu verpflichten ist!“ Ein frühes Highlight an Kommerzialisierungskritik und dann im selben Spiel (→ 0:4 gegen Arminia Bielefeld): „Nach der Pause führte Schwarzenbeck kurzzeitig Regie im Bielefelder Angriff. Er setzte Graul in Szene“, als des Kaisers Ex-Ausputzer wie total von Sinnen den Arminen Volker Graul in die Gasse schickte und ihm so das 0-3 ermöglichte. Hätte es damals schon einen Ante Sapina und seine Café-King-Gang gegeben, wäre der bayrische Weltmeister in der Nachbetrachtung nicht so glimpflich davongekommen.

Harald Clausen im Interview mit Bremens Trainer Wolfgang Weber vor dem Spiel Werder - Schalke am 10. März 1979: „Ein Vierteljahr lang hat Ihre Mannschaft kein Bundesligaspiel bestritten (Anmerkung: Damals gab es noch keine Winterpause und vier Bremer Spiele in Folge fielen aus!). Was haben Sie in der Zwischenzeit gemacht, um sie bei Laune zu halten?“ Weber: „Wir haben regelmäßig trainiert, bei jedem Wetter. Wenn die Trainingsmöglichkeiten aber mal ganz schlecht waren, dann haben wir das Training auch schon mal durch Kaffee trinken ersetzt!“ Für Schalke hat diese Art der entspannten Vorbereitung gereicht. Mit 3:1 wurden die Königsblauen heim in den Pott geschickt.

Harald Clausen hatte desöfteren unterhaltsame Gesprächspartner an seiner Seite. Das erwies sich im Dialog mit dem nach Spielschluss sichtlich aufgebrachten 1860-München-Trainer Heinz Lucas in der Hinrunde 1977/78: „Heinz Lucas, heute hätte ihre Mannschaft einen Punkt holen müssen gegen diesen FC Kaiserslautern.“ „Einen Punkt? Sie scherzen wohl. Zwei Punkte – Mindestens!“

Der wohl temperierte Eberhard Figgemeier gilt bis heute als dröge. Zumindest am 10. März 1979 völlig zu Unrecht: „Borussia Dortmund bot destruktiven Fußball – mit voller Absicht, nicht aus irgendeiner Not heraus (→ VFB Stuttgart - BVB 1:1). Als die Dortmunder den VFB von ihrer Harmlosigkeit überzeugt hatten, ließ auch noch die Stuttgarter Aufmerksamkeit nach. Solch einer Unachtsamkeit nutzte Manni Burgsmüller zum 1:1-Endstand.“

 

Tag(s) : #Fußball pur!
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