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Meine ganz persönliche Liebeserklärung an die Glanzzeit des legendären aktuellen sportstudios (Teil II - Die Moderatoren)

 

Die Geschichte des sportstudios wurde hauptsächlich von drei wirklich großartigen Moderatoren geprägt: Hanns Joachim Friedrichs, Harry Valérien und Dieter Kürten, drei Kavaliere der alten Schule, haben dem ZDF-Dinosaurier jahrzehntelang ihre Stempel aufgedrückt. Sie standen für Kompetenz, Menschlichkeit und Unverwechselbarkeit. Damals konnte man noch von Qualitätsjournalismus sprechen.

Einen seiner größten Auftritte hatte Dieter Kürten am 14. Oktober 1978 im Telefoninterview mit Nationalkicker Hansi Müller (Müller hatte das Flugzeug verpasst und konnte nicht im ASS auftreten): „Wir haben hier ein prachtvolles Foto von Ihnen auf dem Bildschirm. Ist es für Sie eigentlich eine Belastung immer der schöne Hansi Müller zu sein?“ Müller bescheiden: „Na, ich habe mich damit abgefunden. Denn, dass mir die Nase nicht krumm gewachsen ist, dafür kann ich ja normal auch nix.“ „Ne, ich bin auch gar nicht der Meinung, dass Sie nicht ein gut gewachsener Mann sein sollten. Und Sie gefallen mir auch gut in Ihrem Aussehen, darf ich Ihnen das mal sagen?“ Hüsteln am anderen Ende der Leitung. Dann Schweigen!

Auch acht Jahre später (19.04.1986) ließ Charmeur Kürten nichts anbrennen als er mit der Ankündigung überraschte: „Wir haben wahre Prachtstücke heute Abend hier im Studio, nicht nur unter unseren Zuschauern.“

Kürten war der ungekrönte Meister der Improvisation. Legendär Dieters Pannensendung (→ Nichts zu senden) vom 29.11.1986, in der ihm - sehr zum Amüsement des Publikums und der Studiogäste Steffi Graf (→ „Das Tennis-Ereignis des Jahres“) und Jupp Heynckes - eine Schalte nach der anderen „platzte“ und er schlussendlich seinem Regisseur androhte: „Mein lieber Josef, wenn das Spiel jetzt nicht kommt, dann komme ich die Wendeltreppe rauf, und werde Dich ein wenig würgen!“ Dabei hatte die Sendung – für Kürtens Verhältnisse – noch ganz normal begonnen: „Wenn die Kamera ein Stück nach rechts schwenkt, sehen wir Jupp Heynckes (→ Osram) und daneben - das ist nicht etwa seine neue Freundin - sondern seine hübsche Tochter Kerstin.“

Eine Aura der Glückseligkeit umgibt einfach diesen Dieter Kürten, sie verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Der ASS-Moderator bleckt die Zähne, lacht und wiehert, als ginge der Gaul mit ihm durch. Wenn er die Harlem Globetrotters begrüßt („Hello, my dears. Welcome to the sportstudio, Amigo!“), sieht er aus wie eines dieser strahlenden Honigkuchenpferde, das bislang vermutlich nur Reinhold Messner in einer Gletscherspalte des Nanga Parbat zu Gesicht bekommen hat.

Kürtens Lehrmeister in Sachen Charme, Menschlichkeit und Verständnis war der große Harry Valérien. Als Wolfgang Overath 1974 nicht nur Weltmeister sondern auch Vater wurde, fragte er diesen: „Legen sie den Kleinen auch trocken?“ Das verlegene Gelächter im Publikum konterte Harry: „Ja, da lachen sie. Ich hab das also immer gemacht und ich fand das herrlich!“

Zu Rainer Bonhof und Uli Stielicke, die am 21. Mai 1977 von der Mönchengladbacher Meisterfeier zugeschaltet waren: „Das ist aber eine hübsche Dame hinter Euch. Gehört die zum Haus?“ Als Bonhof gerade mit einem spannenden „Das ist unsere Hotel…?“ antworten wollte, fiel ihm Uli ins Wort: „Das (!) gehört zum Inventar hier.“ Ein frühes, bis heute unerreichtes sexistisches Glanzlicht des Karo-liebenden Ex-Co-Bundestrainers.

Hanns Joachim Friedrichs war der weltgewandte, anglophile Journalist. Im Gespräch mit dem HSV-Manager Dr. Peter Krohn bewies er, dass auch Zynismus zu seinem Repertoire gehörte: „Da haben Sie einen ganz entscheidenden Fehler gemacht, Herr Dr. Krohn. Ironie ist in Deutschland unverkäuflich. Das muss man aber doch wissen.“

Am 18. Februar 1978 sprach Friedrichs zum ehemaligen medizinischen Betreuer der Nationalmannschaft, Prof. Dr. Hannes Schobert, über den Auftritt der Dortmunder Bundesligaspieler in kurzen Hosen bei Minusgraden im Vergleich zu den bestrumpften Kollegen in Frankfurt: „Im Spiel in Frankfurt haben wir gesehen, dass die Akteure Strumpfhosen trugen. Das ist nun keine Bekleidung um die sich die Männer reißen – im Allgemeinen – aber zweckmäßig ist sie ja wohl doch.“            

Daneben sorgten weitere, häufig unterschätzte und fast vergessene Moderatoren für etliche  Sternstunden. Stellvertretend für viele seien hier der intellektuelle Rechtsanwalt Bernd Heller, Österreichs Vorzeigekabarettist Werner Schneyder und der bisweilen oberflächlich-bieder daher kommende Karl Senne genannt, der am 21. Oktober 1978 den Bericht zur Partie 1. FC Köln – Eintracht Frankfurt beißend-spöttisch ankündigte: „Das größte Laufpensum in diesem Spiel leistete die Nase von (ZDF-Kommentator) Rolf Kramer.“ Die wohl bis heute gelungenste Definition von Cheerleadern lieferte Eisschnelllaufolympiasieger Erhard Keller, der ab Mitte der 70er vier Mal äußerst galant durch die Sendung führte: “…das sind bestimmte Mädchen, die Zuschauer anheizen.“ Aha! Seine einschlägigen Erfahrungen mit der Damenwelt wurde im Gespräch mit Gladbachs Ewald Lienen deutlich: „Sie sind nicht verheiratet, wenn man das sagen darf. So dass Sie also niemandem Rechenschaft schuldig sind. Das muss man mal sagen, wir haben ja auch sehr viele Damen als Zuschauer und die interessieren sich auch. Ich bin sicher, es kommen nachher sofort ein paar Anrufe mit Heiratsangeboten. Das ist hier so üblich.“

Die erste weibliche Frontfrau Carmen Thomas hatte es in dieser Machowelt schwer. Dermaßen verunsichert wurde sie nicht nur vielfach dafür belächelt, dass sie den FC Schalke um ein Jahr jünger gemacht hat, sondern lieferte die bis heute unerreichte, zeitlos schöne Mixtur zweier Sprichwörter ab: „Überall in der Bundesliga hört man vom Köpfe wackeln.“ Viel selbstbewusster war da am 09.Februar 1985 Doris Papperitz. Als Rolf Kramer mit folgenden Worten das Geschehen der zweiten Liga zusammenfasste: „Das Spiel Hessen Kassel gegen Fortuna Köln wird ein Nachspiel haben. Die Kölner haben offiziell gegen das Ergebnis protestiert. Ihr Spieler Janus Gunlaugsson wurde beim Aufwärmen von einem Schäferhund gebissen. Er (der Isländer, nicht der Hund) konnte dann nicht spielen.“ Äußerst forsch schlug Doris vor: „Ja, vielleicht hätte der Spieler einfach zurückbeißen sollen“, so wie sie das sicher immer getan hat, die gute Doris.

Das ZDF erreichte zur Premierensendung von Sissy de Maas und Johanna Hannapel am 12. Juli 1980 der Brief eines besorgten Zuschauers, den von de Maas namentlich genannten Horst Sonneburg aus West-Berlin, der seinen schriftlichen Hilferuf an einen „Herrn Friederichs“ richtete: „Um Himmels Willen, keine weitere Sportkommentatorin! Die eine, die wir leider öfters hören müssen, genügt vollkommen um uns den sportlichen Appetit zu verderben. Sie soll meinetwegen die Frauen-Sportereignisse Reigentanz, Kindersport oder Eierlaufen kommentieren, aber alles hat seine Grenzen, so sympathisch die Damen auch sein müssen. Echter Sport, wie Fussball, Boxen und Baseball ist nun einmal Männersache und kein Bettgeflüster.“ Erstaunlich, dieser Aufschrei eines besorgten Berlinern, aber wahr!

Allen Frontleuten - ob Mann oder Frau - gemein war aber die besorgte Frage nach beruflicher Ausbildung, persönlicher Zukunft, Vorsorge und Absicherung der jungen Gäste. Verbunden mit dem altväter-/mütterlichen Hinweis, dass „die Karriere ja schneller zu Ende sein könne, als man zu denken wage.“ Da schimmerte noch das konservativ-reaktionäre Erziehungsbild der Kriegsjahre durch. Aus Furcht vor der moralischen Keule berichteten die meisten Profis bierernst von Planungen, an deren Umsetzung sie wohl selbst nicht im Entferntesten glaubten. Ein Dieter Hoeneß (damals noch VFB Stuttgart) wollte nach der Karriere sein Sport- und Geographiestudium abschließen, sein 25-Jähriger Bruder Uli wollte 1977 „im nächsten Jahr ein betriebswirtschaftliches Praktikum oder Studium aufnehmen.“ Wolfgang Kleff (Fortuna Düsseldorf) plante 1983, in der späten Blüte seiner Karriere, mit einem Freund in eine „Blumenzucht an der Elfenbeinküste“ einzusteigen. Ob dieses Projekt noch existiert? Im Rückblick dürfte aus den Wenigsten dieser groß angekündigten bürgerlichen Karrieren etwas geworden sein.

Auch die Kölner FC-Legenden, Heinz Flohe und Bernd Cullmann, wurden am 07. April 1973 von Dieter Kürten mit der damals unvermeidlichen Standardfrage konfrontiert: „Sie sind gelernter Bankkaufmann. Könnten Sie denn in Ihren Beruf zurück?“ Heinz Flohe hatte wirklich sehr konkrete Zukunftspläne: „Am Ende von meiner Karriere will ich mir so ne kleine Boutique (von Flohe ausgesprochen als: Buh-tiek-ke) in meinem Heimatort Euskirchen aufmachen.“ Nicht ausgeschlossen, dass er damit Loriot später zu dessen unvergessenen Erwin-Lindemann-Sketch (→ Lottomillionär) inspirierte. Lindemanns Tochter wollte ja auch eine Herren-Boutique in Wuppertal eröffnen – mit dem Papst!

Tag(s) : #Fußball pur!
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